> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 06.07.1802 (867)

2015-03-24

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 06.07.1802 (867)




AN GOETHE

Weimar, 6. Juli 1802.

Es war zu meinem Glück, daß ich Ihnen nicht nach Lauchstädt folgte, denn ich hätte nur den Samen eines Katarrhfiebers mitgenommen, das an dem nämlichen Sonnabend, wo Sie in L. zum erstenmal spielten, bei mir zum Ausbruch kam. Seit dieser Zeit bis gestern habe ich mich mit meiner ganzen Familie in den schlechtesten Zuständen befunden, denn wir alle litten an einer Art von Krampfhusten, der besonders meinen kleinen Ernst sehr hart mitnahm. Dabei lebten wir entfernt von allem menschlichen Umgang, weil ich jede Gelegenheit zu sprechen sorgfältig meiden mußte. Deswegen habe ich auch den Hofkammerrat noch nicht über die Lauchstädter Ereignisse vernehmen können, und weiß weiter nichts davon, als was Ihre Briefe mir meldeten.

Sie haben also neun Tage hintereinander gespielt, das will viel sagen und ist eine große Anstrengung von Seiten der Schauspieler; aber aus der Leere des Hauses in den Vorstellungen während der Woche sehe ich doch, daß Sie die reichliche Gabe nicht allzulang werden fortsetzen dürfen.

Auch zu Lauchstädt sind es also, wie Ihr Repertorium sagt, die Opern, die das Haus füllen. So herrscht das Stoffartige überall, und wer sich dem Theaterteufel einmal verschrieben hat, der muß sich auf dieses Organ verstehen.

Ich gebe Ihnen vollkommen recht, daß ich mich bei meinen Stücken auf das Dramatisch wirkende mehr konzentrieren sollte. Dieses ist überhaupt schon, ohne alle Rücksicht auf Theater und Publikum, eine poetische Forderung, aber auch nur insofern es eine solche ist, kann ich mich darum bemühen. Soll mir jemals ein gutes Theaterstück gelingen, so kann es nur auf poetischem Wege sein, denn eine Wirkung ad extra,wie sie zuweilen auch einem gemeinen Talent und einer bloßen Geschicklichkeit gelingt, kann ich mir nie zum Ziele machen noch, wenn ich es auch wollte, erreichen. Es ist also hier nur von der höchsten Aufgabe selbst die Rede, und nur die erfüllte Kunst wird meine individuelle Tendenz ad intra überwinden können, wenn sie zu überwinden ist.

Ich glaube selbst, daß unsere Dramen nur kraftvolle und treffend gezeichnete Skizzen sein sollten, aber dazu gehörte dann freilich eine ganz andere Fülle der Erfindung, um die sinnlichen Kräfte ununterbrochen zu reizen und zu beschäftigen. Mir möchte dieses Problem schwerer zu lösen sein als einem ändern, denn ohne eine gewisse Innigkeit vermag ich nichts, und diese hält mich gewöhnlich bei meinem Gegenstand fester, als billig ist.

Ich wünschte daß Sie von Wolf eine lateinische Übersetzung der Poetik des Aristoteles, die der verstorbene Reiß in Manuskript zurückgelassen, sich verschaffen möchten. Auch diese Schrift würde uns ein interessantes Thema zu künftigen Konferenzen über das Drama abgeben.

In der Schrift von Brandes habe ich geblättert, aber es wird mir unmöglich durch diese lederne Manier mich hindurch zu arbeiten. Man mußte Göttingen noch frisch im Gedächtnis haben, wie Sie, um dabei aushalten zu können.

Eine Schrift gegen Kotzebue von dem Herrn von Masson ist dieser Tage erschienen, worin er ganz niederträchtig, aber nach Würden und Verdienst behandelt wird. Sie ist für ein Werk der Indignation und für eine Parteischrift nicht schlecht geschrieben.

Leben Sie recht wohl und lassen sich’s in Halle nicht zu gut gefallen. Ich sehne mich herzlich nach Ihrer Zurückkunft, da ich vergeblich gehofft habe, mir die Zeit Ihrer Abwesenheit durch meine Tätigkeit zu verkürzen.

Meyern grüße ich herzlich und wünsche ihm Geduld zu seiner harten Prüfung. Nächsten Posttag schreibe ich ihm.

Meine Frau empfiehlt sich Ihnen beiden aufs beste.

Sch.
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