> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 14.06 .1799 (607)

2015-03-08

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 14.06 .1799 (607)



AN GOETHE.

Jena den 14. Juni 1799.

Sie sind, wie ich höre, vor einigen Tagen in Roßla gewesen, aber wieder nach Weimar zurück, welches Sie bei dem gestrigen schlechten Wetter nicht bereut haben werden. Mellischens haben es noch eben recht getroffen und einen sehr angenehmen Tag in Jena mit genossen. Er brachte einen Fremden aus dem Walliser Land mit, der mit deutschen gelehrten Sachen nicht unbekannt schien, und über die neuere Philosophie sogar, so weit sich darüber in französischer Sprache reden ließ, nicht unvernünftig sprach. Es mag indessen irgend eine geheime Bewandtnis mit ihm haben.

Ich hörte dieser Tage, daß Fichte dem Rudolstädter Fürsten das Ansinnen getan, ihm in Rudolstadt in einem herrschaftlichen Hause Wohnung zu geben, daß es ihm aber höflich refüsirt worden. Es ist doch unbegreiflich, wie bei diesem Freunde eine Unklugheit auf die andere folgt und wie incorrigibel er in seinen Schiefheiten ist. Dem Fürsten von Rudolstadt, der sich den Teufel um ihn bekümmert, zuzumuten, daß er ihm durch Einräumung eines Quartiers öffentliche Protektion geben und umsonst und um nichts sich bei allen anders denkenden Höfen kompromittieren soll! Und was für eine armselige Erleichterung verschaffte ihm wohl ein freies Logis dort, wo er durchaus nicht an seinem Orte wäre.

Ich wünsche daß Sie fleißiger sein möchten, als ich in diesen Tagen sein konnte. Mittwochs war Mellisch und Donnerstag die Kalb bei uns, und so ist in diesen zwei Tagen wenig geschehen. Ich sitze noch immer bei meinen drei ersten Expositionsszenen und suche einen festen Grund für das künftige zu legen.

Es scheint wirklich, daß ich in England mit meinen Stücken etwas werde machen können. Ich habe binnen acht Tagen zwei Anträge aus London erhalten, Stücke in Manuskript hinzuschicken, zwar nur von Buchhändlern und von Übersetzern und noch mit keinen bestimmten Geldversprechungen begleitet, aber die Nachfrage ist so stark, daß ich Aussichten darauf gründen kann.

Haben Sie doch die Güte, mir den Aeschylus zu senden, mich verlangt wieder sehr nach einer griechisch tragischen Unterhaltung.

Leben Sie recht wohl und sehen Sie, daß Sie bald auf einen Tag herkommen.

Die Frau grüßt bestens.

Sch.
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