> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 16.03.1801 (800)

2015-03-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 16.03.1801 (800)



AN GOETHE

Jena den 16. März 1801.

Es geht mir hier noch immer ganz ordentlich und mit jedem Tag geschieht etwas. Ich denke, so lange als ich über meinen Garten noch disponieren kann, welches bis Ostern sein wird, noch hier zu bleiben und in dieser Zeit die rohe Anlage des ganzen Stücks vollends hinzuwerfen, daß mir in Weimar nur noch die Rundung und Polierung übrig bleibt.

Hier hat uns die philosophische Fakultät auf ihre Kosten Stoff zu einer lustigen Unterhaltung gegeben. Friedrich Schlegel mußte disputieren, und um ihn zu drücken haben die Herren Ulrich, Heinrich, Hennings etc. ein altes ganz außer Kurs gekommenes Gesetz, ihm selbst die Opponenten zu setzen, welche seit undenklicher Zeit von den Disputierenden selbst gewählt wurden, wieder hervorgezogen . Auf den guten Rat einiger Freunde hat sich Schlegel dieser Schikane ohne Widerspruch unterzogen und den einen dieser offiziell gesetzten Opponenten, der sich bescheidener betrug, ganz gut behandelt; der andere aber, ein Professor Augusti , ein nach aller Urteil ganz erbärmliches Subjekt, welches von Gotha her empfohlen worden , hat den Disputiract mit Beleidigungen und Anzüglichkeiten angefangen, und sich zugleich so unverschämt und so ungeschickt betragen, daß Schlegel ihm auch eins versetzen mußte. Ulrich der als Dekan zugegen war und alle diese groben Angriffe des Gegners passieren ließ, relevirte mit Feierlichkeiten einige Repliken von Schlegeln, dieser blieb ihm nichts schuldig, er hat die Lacher auf seiner Seite, und es gab skandalöse Szenen. Nach der allgemeinen Erzählung aber soll sich Schlegel mit vieler Mäßigung und Anständigkeit betragen haben, und man vermutet, daß dieser Handel seinen, als Dozent schon sehr gesunkenen Kredit wieder heben werde.

Von Madame Veit ist ein Roman herausgekommen, den ich Ihnen mitheilen will; der Kuriosität wegen sehen Sie ihn an. Sie werden darin auch die Gespenster alter Bekannten spuken sehen. Indessen hat mir dieser Roman, der eine seltsame Fratze ist, doch eine bessere Vorstellung von der Verfasserin gegeben, und er ist ein neuer Beweis, wie weit die Dilettanterei wenigstens in dem Mechanischen und in der hohlen Form kommen kann. Das Buch erbitte ich mir zurück, sobald Sie es gelesen.

Die Aufgabe zu einem Gemälde an Hartmann hat mich überrascht, aber sie hat auf den ersten Blick etwas recht interessantes und einladendes. Ohne sich selbst das Rätsel zu lösen, fühlt man daß es von einem geistreichen Einfall abhängt, ob der Gegenstand glücklich oder refractär ist. Eine vollkommene Selbstständigkeit des Gemäldes ist wohl nicht zu erwarten, aber es ist schon viel, wenn es auf den bloßen Anblick ohne den Schlüssel gleich interessant und auffordernd ist, und sich, sobald man den Schlüssel erhält, rein und vollständig auflöst.

Viel Glück zu den Fortschritten im Faust, auf den die hiesigen Philosophen ganz unaussprechlich gespannt sind.

Leben Sie recht wohl, an Meyern viele Grüße.

Sch.

Die Beilagen bitte gehorsamst, gleich übergeben zu lassen.

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