> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.11.1798 (543)

2015-03-04

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 30.11.1798 (543)



AN GOETHE 

Jena, 30. November 1798

Ich bin es diese Tage her so gewohnt worden, daß Sie in der Abendstunde kamen und die Uhr meiner Gedanken aufzogen und stellten, daß es mir ganz ungewohnt tut, nach getaner Arbeit mich an mich selbst verwiesen zu sehen. Besonders wünschte ich, daß uns nicht erst am letzten Tage eingefallen wäre, den chromatischen Kursus anzufangen, denn gerade eine solche reine Sachbeschäftigung gewährte mir eine heilsame Abwechslung und Erholung von meiner jetzigen poetischen Arbeit, und ich würde gesucht haben, mir in Ihrer Abwesenheit auf meine eigne Weise darin fortzuhelfen. So viel bemerkte ich indessen, daß ein Hauptmoment in der Methode sein wird, den rein faktischen sowie den polemischen Teil aufs strengste von dem hypothetischen unterschieden zu halten, daß die Evidenz des Falles und die des Newtonischen Falsums nicht in das Problematische der Erklärung verwickelt werde und daß es nicht scheine, als wenn jene auch sowie diese einen gewissen Glauben postuliere. Es liegt zwar schon in Ihrer Natur, die Sache und die Vorstellung wohl zutrennen, aber demungeachtet ist es kaum zu vermeiden, daß man eine gangbar gewordene Vorstellungsweise nicht zuweilen den Dingen selbst unterschiebt und aus einem bloßen Instrument für das Denken eine Realursache zu machen geneigt ist.

Ihre lange Arbeit mit den Farben und der Ernst, den Sie darauf verwendet, muß mit einem nicht gemeinen Erfolg belohnt werden. Sie müssen, da Sie es können, ein Muster aufstellen,wie man physikalische Forschungen behandeln soll, und das Werk muß durch seine Behandlung ebenso belehrend sein als durch seine Ausbeute für die Wissenschaft.

Wenn man überlegt, daß das Schicksal dichterischer Werke an das Schicksal der Sprache gebunden ist, die schwerlich auf dem jetzigen Punkte stehenbleibt, so ist ein unsterblicher Name in der Wissenschaft etwas sehr Wünschenswürdiges. Heute endlich habe ich den Wallenstein zum erstenmal in die Welt ausfliegen lassen und an Iffland abgeschickt. Die Kostüme werden Sie so gütig sein ihm bald schicken zu lassen, weil er sie bald nötig haben könnte. Ich hab ihn vorläufig davon benachrichtigt.   

Meyern, den ich bestens grüße, bitte um Zurücksendung der quittierten Rechnung.

Leben Sie recht wohl in Ihren jetzigen Zerstreuungen. Wie wünschte ich daß Sie mir Ihre Muse, die Sie jetzt gerade nicht brauchen, zu meiner jetzigen Arbeit leihen könnten.

Die Frau grüßt bestens. Leben Sie wohl.

Sch.
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