> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.08 .1799 (646)

2015-03-11

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.08 .1799 (646)



AN GOETHE 

Jena, 23. August 1799

Aus allen Umständen fange ich an zu schließen, daß wir vor Eintritt des Herbstes kaum auf Ihre Hieherkunft hoffen können. So geht dieser Sommer ganz anders hin, als ich mir versprochen hatte, und ob ich mich gleich ernstlich zu meinem Geschäft halte und darin vorwärts komme, so fühle ich doch im Ganzen meines innern Zustandes diese Beraubung sehr, und sie verstärkt mein Verlangen nicht wenig, den Winter in Weimar zuzubringen. Zwar verberge ich mir nicht, daß sich von dem Einfluß der dortigen Sozietät eben nicht viel Ersprießliches erwarten läßt, aber der Umgang mit Ihnen, einige Berührungen mit Meyern, das Theater und eine gewisse Lebenswirklichkeit, welche die übrige Menschenmasse mir vor die Augen bringen muß, werden gut auf mich und meine Beschäftigungen wirken. Meine hiesige Existenz ist eine absolute Einsamkeit, und das ist doch zu viel.    

Ich erwarte mit jedem Tag Antwort von der Frau von Kalb des Quartiers wegen, das ich, wenn es zu haben, ohne Anstand gleich von Michaelis an auf ein Jahr mieten werde. Kann ich es machen, mit meiner Familie bequem zusammen zu wohnen, so werde ich das immer vorziehen; ging es nicht an, so ist mir das Anerbieten wegen des Thouretischen Logis willkommen. Wenn meine Frau mit ihren Wochen glücklich ist, so wäre ich geneigt, Ende Novembers hinüber zu gehen, anfangs allein, bis die Familie nachkommen kann. Es läge mir auch deswegen viel daran, daß ich die zwei letzten Akte meines Stücks unter dem Einfluß der theatralischen Anschauungen ausarbeiten könnte.

Wenn Sie binnen zehn Tagen nicht, wenigstens auf einige Tage hierher kommen können, so hätte ich große Lust auf einen Tag zu Ihnen hinüber zu kommen und meine zwei Akte mitzubringen. Denn jetzt wünschte ich doch Ihr Urteil darüber, daß ich mich überzeugt halten kann, ob ich auf dem rechten Wege bin.   

An Ihren Mondbetrachtungen wünschte ich wohl auch teilzunehmen. Mir hat dieser Gegenstand immer einen gewissen Respekt abgenötigt und mich nie ohne eine sehr ernste Stimmung entlassen. Bei einem guten Teleskop wird das Körperliche der Oberfläche sehr deutlich, und es hatte mir immer etwas Furchtbares, daß ich diesen entfernten Fremdling auch mit einem andern Sinn als dem Aug zu erfassen glaubte. Es sind auch schon einige Distichen darüber entstanden, die vielleicht das Bedürfnis für den Almanach zur Reife bringen hilft . 

Gelegentlich wünscht' ich doch zu wissen, ob mir von den zur Auktion geschickten Büchern viele liegen geblieben, denn es sagte neulich jemand in Weimar, daß ich so viele Bücher erstanden hätte, welches kein gutes Zeichen wäre.

Leben Sie recht wohl in Ihrer geschäftigen Einsamkeit. Ihre Genauigkeit in der Metrik wird die Herrn Humboldt und Brinkmann nicht wenig erbauen.

Die Frau grüßt Sie freundlich und hat auch ein groß Verlangen Sie wieder zu sehen.

An Meyern viele Grüße.

Sch.
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