> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 28.04.1801 (813)

2015-03-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 28.04.1801 (813)




AN GOETHE.

Weimar, 28. April 1801.

Sie verlieren doch etwas, daß Sie diese musikalische Woche versäumen, wo Tanz und Gesang sich zu unsrer Ergötzlichkeit vereinigen. Gern hat uns durch seine schöne Stimme im Sarastro viel Freude gemacht; im Tarare hat er weniger befriedigt, denn die gewaltsame brusque Person widersteht seiner weichen Sprache.

Die Tänzer, welche am Montag im Intermezzo sich sehen ließen, haben die Weimarianer in eine zweifelhafte Verwunderung gesetzt; man ist an die seltsamen Stellungen und Bewegungen, wo das Bein ganz lang nach hinten oder nach der Seite ausgestreckt wird, nicht gewöhnt. Sie sehen unschicklich, indezent und nichts weniger als schön aus. Aber die Leichtigkeit und Flüchtigkeit und das musikalische Maß hat sehr viel Ergötzendes. Cotta ist in diesen Tagen durchgereist, hat sich aber nur einige Stunden aufgehalten, und wird auf seiner Rückreise etwas länger bleiben, wo er auch Sie hier zu finden hofft. Er hat den Kupferstecher Müller aus Stuttgart mitgebracht, den Sie auch schon von Person kennen, so viel ich weiß. Es ist ein braver Mann, aber der Mann und seine Kunst erklären einander wechselsweise; er hat ganz das sorgfältige, reinliche, kleinliche und delikate seines Griffels. Es sind auch vier Zeichnungen Wächters zum Wallenstein mitgekommen, die zu vielerlei Betrachtungen, besonders wieder über die Wahl der Gegenstände Anlass gaben . Aber es ist etwas recht tüchtiges, charakteristisches und kräftiges darin. Meyer hat sie noch nicht gesehen, ich bin neugierig ob er den Künstler errät. 

Der Nathan ist ausgeschrieben und wird Ihnen zugeschickt werden, daß Sie die Rollen aus teilen. Ich will mit dem Schauspielervolk nichts mehr zu schaffen haben, denn durch Vernunft und Gefälligkeit ist nichts auszurichten, es gibt nur ein einziges Verhältnis zu ihnen, den kurzen Imperativ, den ich nicht auszuüben habe.

Die Jungfrau habe ich vor acht Tagen dem Herzog schicken müssen und habe sie noch nicht aus seinen Händen zurück erhalten. Wie er sich aber gegen meine Frau und Schwägerin geäußert, so hat sie, bei aller Opposition, in der sie zu seinem Geschmacke steht , eine unerwartete Wirkung auf ihn gemacht. Er meint aber, sie könne nicht gespielt werden und darin könnte er Recht haben. Nach langer Veranschlagung mit mir selbst, werde ich sie auch nicht aufs Theater bringen, ob mir gleich einige Vorteile dabei entgehen. Erstlich rechnet Unger, an den ich sie verkauft habe, darauf, daß er sie als eine vollkommene Novität zur Herbstmesse bringe; er hat mich gut bezahlt und ich kann ihm hierin nicht entgegen sein. Dann schreckt mich auch die schreckliche Empirie des Einlernens, des Behelfens und der Zeitverlust der Proben davon zurück, den Verlust der guten Stimmung nicht einmal gerechnet. Ich trage mich jetzt mit zwei neuen dramatischen Sujets, und wenn ich sie beide durchdacht und durchgeprüft habe, so will ich zu einer neuen Arbeit übergehen. Leben Sie recht wohl und kommen ja auf den Sonnabend her.

Sch.
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