> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.11.1798 (537)

2015-03-04

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 09.11.1798 (537)



AN GOETHE

Jena, 9. November 1798

Ich bin seit gestern endlich an den poetisch wichtigsten, bis jetzt immer auf gesparten Teil des Wallensteins gegangen, der der Liebe gewidmet ist und sich, seiner frei menschlichen Natur nach, von dem geschäftigen Wesen der übrigen Staatsaktion völlig trennt, ja demselben, dem Geist nach, entgegensetzt. Nun erst, da ich diesem letztem die mir mögliche Gestalt gegeben, kann ich mir ihn aus dem Sinne schlagen und eine ganz verschiedene Stimmung in mir auf kommen lassen; und ich werde einige Zeit damit zuzubringen haben, ihn wirklich zu vergessen. Was ich nun am meisten zu fürchten habe, ist, daß das überwiegende menschliche Interesse dieser großen Episode an der schon feststehenden ausgeführten Handlung leicht etwas verrücken möchte: denn ihrer Natur nach gebührt ihr die Herrschaft, und je mehr mir die Ausführung derselben gelingen sollte, desto mehr möchte die übrige Handlung dabei ins Gedränge kommen. Denn es ist weit schwerer, ein Interesse für das Gefühl als eins für den Verstand aufzugeben.

Vorderhand ist nun mein Geschäft, mich aller Motive, die im ganzen Umkreis meines Stücks für diese Episode und in ihr selbst liegen, zu bemächtigen und so, wenn es auch langsam geht, die rechte Stimmung in mir reifen zu lassen. Ich glaube mich schon auf dem eigentlichen rechten Weg zu finden und hoffe daher keine verlornen frais zu machen.

Soviel muß ich aber vorher sagen, daß der Pikkolomini nicht eher aus meiner Hand in die der Schauspieler kommen kann und darf, als bis wirklich auch das dritte Stück, die letzte Hand abgerechnet, ganz aus der Feder ist. Und so wünsche ich nur, daß mir Apollo gnädig sein möchte, um in den nächsten sechs Wochen meinen Weg zurückzulegen.

Damit mir meine bisherige Arbeit aus den Augen komme, sende ich sie Ihnen gleich jetzt. Es sind nur eigentlich zwei kleine Lücken geblieben, die eine betrifft die geheime magische Geschichte zwischen Oktavio und Wallenstein und die andere die Präsentation Questenbergs an die Generale, welche mir in der ersten Ausführung noch etwas Steifes hatte und wo mir die rechte Wendung noch nicht einfiel. Die zwei ersten und die zwei letzten Akte sind sonst fertig, wie Sie sehen, und der Anfang des dritten ist auch abgeschrieben.

Vielleicht hätte ich mirs ersparen können, Ihnen das Manuskript nach Weimar zu schicken, da ich Sie, nach Ihrem letzten Brief, jeden Tag erwarten kann.

Zu den Farbenuntersuchungen wünsche ich Ihnen herzlich Glück, denn es wird sehr viel gewonnen sein, wenn Sie diese Last sich vom Herzen gewälzt haben, und da der Winter Sie so nicht zum Produzieren stimmt, so können Sie ihn nicht besser anwenden, als wenn Sie, neben der Sorge für die Propyläen, dieser Arbeit sich widmen .       

Was von Decken und Kupfern fertig ist, bitte mir mit der Botenfrau zu senden. Von den Kupfern brauche ich 115 weniger als bestellt sind, denn so viel fanden sich zufälligerweise noch. Ich ersuche Meyern diese abzubestellen, wenns noch möglich ist.

Daß mir Iffland noch nicht geantwortet, kommt mir bedenklich vor, denn er pressierte mich selbst so sehr und es ist sein Interesse das Stück bald zu haben, wenn er es ernstlich will.

Leben sie nun recht wohl. Mein Aufenthalt in der Stadt ist mir bisher ganz gut bekommen. Meine Frau grüßt.

Sch.
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