> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 31.12.1798 (561)

2015-03-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 31.12.1798 (561)



AN GOETHE 

Jena, 31. Dezember 1798

Der Herzogin Rolle hab ich Ihnen gestern durch Wolzogen geschickt. Hier erhalten Sie die Piccolomini ganz, aber, wie Sie sehen, ganz erschrecklich gestrichen. Ich dachte schon genug davon weggeschnitten zu haben, als ich aber vorgestern zum erstenmal das Ganze hintereinander vorlas, nach der bereits verkürzten Edition, und mit dem dritten Akt schon die dritte Stunde zu Ende ging, so erschrak ich so, daß ich mich gestern nochmals hinsetzte und noch etwa 400 Jamben aus dem Ganzen herauswarf. Sehr lang wird es auch jetzt noch spielen, aber doch nicht über die vierte Stunde, und wenn man Schlag halb sechs anfängt, so kommt das Publikum noch vor 10 Uhr zu Hause.

Haben Sie die Güte, den zweiten Akt, den ich Ihnen doppelt schicke, in beiden Gestalten zu lesen. Er enthält die neuen Szenen der Thekla, und es würde Sie stören, wenn Sie bei diesen Szenen, die Sie zum erstenmal lesen, auch nur durch das Auge an die Verstümmelung erinnert würden und den Text auf dem Papiere mühsam zusammensuchen müßten.

Bei der Rollenbesetzung habe ich darauf gerechnet, daß dieThekla durch die Jagemann gespielt wird, und ihr etwas zu singen gegeben. So bliebe freilich die Gräfin der Slanzowsky, es wäre denn, daß Sie die neu erwartete Mutter dazu passender fänden; denn an der Gräfin liegt freilich viel, und sie hat, wie Sie sehen werden, auch in den neuen Szenen des dritten Akts bedeutende Dinge zu sagen. Da man sie noch älter annehmen darf als selbst die Herzogin (indem sie den König von Böhmen vor sechzehn Jahren hat machen helfen), so kann sich die andere nicht beklagen.

Und so lege ich denn das Stück in Ihre Hände. Ich habe jetzt schlechterdings kein Urteil mehr darüber, ja manchmal möchte ich an der theatralischen Tauglichkeit ganz verzweifeln. Möchte es eine solche Wirkung auf Sie tun, daß Sie mir Mut und Hoffnung geben können, denn die brauche ich. 

Leben Sie recht wohl. Der Bote wird um 3 Uhr expedirt.

Sch.
Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief



Keine Kommentare: