> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.10 .1799 (656)

2015-03-11

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.10 .1799 (656)



AN GOETHE.

Jena den 15. Oktober 1799.

Unsre kleine Caroline ist diesen Vormittag getauft und ich fange wieder an in eine Ruhe zu kommen. Meine Frau befindet sich für die Umstände recht leidlich und mit dem Kind ist es diese zwei Tage auch recht gut gegangen.

Ich habe nun auch den Anfang gemacht den Mahomet zu durchgehen und einiges dabei anzumerken, was ich auf den Freitag schicken will. So viel ist gewiß, wenn mit einem französischen und besonders Voltairischen Stück der Versuch gemacht werden sollte, so ist Mahomet am besten dazu gewählt worden. Durch seinen Stoff ist das Stück schon vor der Gleichgültigkeit bewahrt, und die Behandlung hat weit weniger von der französischen Manier als die übrigen Stücke, die mir einfallen. Sie selbst haben schon viel dafür getan und werden, ohne große Mühe, noch einiges bedeutende tun können. Ich zweifle daher nicht, der Erfolg wird der Mühe des Experiments wert sein. Demohngeachtet würde ich Bedenken tragen, ähnliche Versuche mit andern französischen Stücken vorzunehmen, denn es giebt schwerlich noch ein zweites, das dazu tüchtig ist. Wenn man in der Übersetzung die Manier zerstört, so bleibt zu wenig poetisch menschliches übrig, und behält man die Manier bei und sucht die Vorzüge derselben auch in der Übersetzung geltend zu machen, so wird man das Publikum verscheuchen.

Die Eigenschaft des Alexandriners sich in zwei gleiche Hälften zu trennen, und die Natur des Reims, aus zwei Alexandrinern ein Couplet zu machen, bestimmen nicht bloß die ganze Sprache, sie bestimmen auch den ganzen innern Geist dieser Stücke, die Charaktere, die Gesinnungen, das Betragen der Personen. Alles stellt sich dadurch unter die Regel des Gegensatzes und wie die Geige des Musikanten die Bewegungen der Tänzer leitet, so auch die zweischenkligte Natur des Alexandriners die Bewegungen des Gemüts und die Gedanken. Der Verstand wird ununterbrochen aufgefordert, und jedes Gefühl, jeder Gedanke in diese Form, wie in das Bette des Prokrustes gezwängt.

Da nun in der Übersetzung mit Aufhebung des Alexandrinischen Reims die ganze Basis weggenommen wird, worauf diese Stücke erbaut wurden, so können nur Trümmer übrig bleiben. Man begreift die Wirkung nicht mehr, da die Ursache weggefallen ist.

Ich fürchte also, wir werden in dieser Quelle wenig Neues für unsre deutsche Bühne schöpfen können, wenn es nicht etwa die bloßen Stoffe sind.

In diesen zwei Tagen seit Ihrer Abreise habe ich noch nichts gearbeitet, hoffe aber morgen wieder dazu zu kommen.Haben Sie doch die Güte mir mit der Botenfrau die sämmtlichen Bogen des Almanachs, oder wenn er zu haben ist einen gehefteten Almanach zu überschicken.

Meyern viele Grüße. Leben Sie recht wohl.

Sch.
Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief


Keine Kommentare: