> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.07 .1799 (629)

2015-03-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.07 .1799 (629)



AN GOETHE 

Jena, 23. Juli 1799

Ich höre, daß Sie in Roßla sind, woraus ich zu meinem großen Vergnügen schließe, daß Ihre Hieherkunft nicht mehr weit entfernt ist. Es wird auch meiner Existenz einen ganz andern Schwung geben, wenn wir wieder beisammen sind, denn Sie wissen mich immer nach außen und in die Breite zutreiben; wenn ich allein bin, versinke ich in mich selbst. 

Tieck aus Berlin hat Sie besucht; ich bin begierig wie Sie mit ihm zufrieden sind, da Sie ihn länger gesprochen haben. Mir hat er gar nicht übel gefallen; sein Ausdruck ob er gleich keine große Kraft zeigt ist fein, verständig und bedeutend, auch hat er nichts kokettes noch unbescheidenes. Ich hab' ihm, da er sich einmal mit dem Don Quixote eingelassen, die spanische Literatur sehr empfohlen, die ihm einen geistreichen Stoff zuführen wird, und ihm, bei seiner eigenen Neigung zum Phantastischen und Romantischen, zuzusagen scheint. So müsste dieses angenehme Talent fruchtbar und gefällig wirken, und in seiner Sphäre sein.

Mellisch hat mir von seiner Burg einige Fragmente aus den Piccolominis in der allgemeinen Zeitung in Jamben übersetzt zugeschickt, die, wenn sie der englischen Sprache ganz gemäß sind, die Gedanken gut ausdrücken und auch das eigentümliche der Diktion gut nachahmen. Er hat Lust das Ganze zu übersetzen, wenn für ihn und mich der gehörige Vorteil dabei zu gewinnen ist, und hat deswegen an Sheridan geschrieben.

Mit dem Ersten Akt der Maria hoffe ich zu Ende dieser Woche ganz im Reinen zu sein. Ich sollte freilich schon weiter vorwärts gekommen sein, aber dieser Monat war mir nicht so günstig als der vorige. Ich bin zufrieden, wenn ich den dritten Akt mit in die Stadt bringe.

Das Ungewitter aus Osmannstädt scheint sich zu verziehen. Wenigstens höre ich, daß Anverwandte der La Roche, die hier wohnen, dorthin seien berufen worden, um sie zu sehen.

Wenn Sie nach Weimar zurückkommen, so haben Sie doch die Güte, das was von dem Gedicht der Fräulein Imhof fertig ist, an Gädike zu geben und ihm den Almanach von 1797 und 1798 zur Norm vorzuschreiben, nur mit dem Unterschied, daß er auf jede Seite nur neun Hexameter setzt und vor jedem Gesang ein Blatt leer läßt, worauf nichts steht als der wievielte Gesang es ist. Leben Sie recht wohl; die Frau grüßt Sie aufs allerschönste.

Sch.
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