> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.12.1798 (553)

2015-03-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.12.1798 (553)



AN GOETHE 

Jena, 18. Dezember 1798

Sowenig ich Anstand nehme, alles, was Sie von unserm Volksdichter Gutes sagen, im einzelnen wie im allgemeinen zu unterschreiben, so kommt es mir doch immer als eine gewisse Unschicklichkeit vor, auf einer so öffentlichen Stelle, als die Allgemeine Zeitung ist, die Augen auf ihn zu ziehen. Für die Vorzüge der Form ist einmal kein Sinn zu erwarten, und so wird das Kleine und Gemeine in den Gegenständen den delikaten Herren und Damen Anstoß geben und den Witzlingen eine Blöße. Das ist wenigstens mein Gefühl, wenn ich mir, bei Durchlesung Ihrer Anzeige, zugleich das Publikum vergegenwärtige, dem sie in die Hände kommt, und es deucht mir eine annehmliche Klugheitsregel, da, wo es keine Überzeugungsgründe gibt, um durch die Vernunft zu siegen, das Gefühl nicht zu schockieren. Ein ganz anderes wäre es, wenn eben diese Anzeige in einem literarischen Blatt stünde; hier ist man befugt und verpflichtet, alles zu würdigen und ins Detail zu gehen. In einer politischen Zeitung kann nur das mutmaßlich allgemein Interessierende Platz finden, nicht was gefallen sollte, sondern, wie Boufflers sagt, was gefällt.   

Ich habe mit großem Vergnügen diesen Boufflers gelesen; er ist überaus schön geschrieben und enthält scharmante Bemerkungen, so gut gedacht als gesagt. Freilich ist eine gewisse Enge und Dürftigkeit darin. Wenn er zuweilen der Hospitalité wegen auch von den Deutschen Notiz nimmt, so kommt es gar lächerlich heraus; man sieht ihm an, daß es nichts weiter als ein Trinkgeld ist, und daß er nicht viel dabei denkt.

Garve hör' ich soll jetzt auch gestorben sein. Wieder einer aus dem goldnen Weltalter der Literatur weniger, wird uns Wieland sagen.

In Chursachsen ist das Niethhammerische Journal verboten worden.

Den Anschlag des Buchdrucker Gädike finde ich sehr mäßig; ich sollte denken, daß Cotta die Arbeit bei sich nicht wohlfeiler haben kann.

Es wäre mir jetzt doch lieb, wenn Sie den Frankfurtern bald wollten zu wissen tun lassen, daß die drei Wallensteinischen Stücke für 60 Dukaten zu haben sind. Denn ich möchte gern bald wissen, ob die Edition fürs Reich noch nötig oder nicht, da Kotzebue noch nicht wieder geantwortet und wahrscheinlich doch im Verhafte sitzt. Der Wallenstein bleibt das ganze Jahr 1799 ungedruckt, das kann den Frankfurtern auch geschrieben werden.

Wissen Sie noch nicht bestimmt, ob Sie Ihre Theatralische Mutter aus Regensburg auf den nächsten Monat schon bekommen?

Die Arbeit ist in den letzten Tagen schlecht vorgerückt. Das Sudelwetter, das mir sonst nicht so unhold ist, hat mich doch sehr mitgenommen, und schon der traurige Anblick des Himmels und der Erde drückt die Seele nieder.

Leben Sie nur so wohl als es jetzt irgend angeht. Herzlich grüßen wir Sie beide.

Sch.
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