> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 26.07.1800 (751)

2015-03-17

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 26.07.1800 (751)




AN GOETHE.

Weimar, 26. Juli 1800.

Irgend ein Spiritus familiaris hat mir geoffenbart, daß Sie den Tancred übersetzen, denn ich habe es, ehe ich Ihren Brief erhielt, als bekannt angenommen. Für unsre theatralischen Zwecke ist das Unternehmen gewiss sehr förderlich, ob ich gleich herzlich wünsche, daß der Faust es verdrängen möchte.

Übrigens beneide ich Sie darum, daß Sie doch etwas wirklich entstehen sehen. In diesem Fall bin ich noch nicht, weil ich über das Schema meiner Tragödie noch immer nicht in Ordnung bin, und noch große Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen habe. Ob man gleich bei jedem neu zu produzierenden Werk durch eine solche Epoche hindurch muß, so gibt es doch stets das peinliche Gefühl, als ob nichts geschähe, weil am Abend eines Tages nichts kann aufgezeigt werden.

Was mich bei meinem neuen Stücke besonders incommodirt, ist, daß es sich nicht so wie ich wünsche in wenige große Massen ordnen will und daß ich es, in Absicht auf Zeit und Ort in zu viele Teile zerstückeln muß, welches, wenn auch die Handlung selbst die gehörige Stetigkeit hat, immer der Tragödie widerstrebend ist. Man muß, wie ich bei diesem Stück sehe, sich durch keinen allgemeinen Begriff fesseln, sondern es wagen, bei einem neuen Stoff die Form neu zu erfinden, und sich den Gattungsbegriff immer beweglich erhalten.

Ich lege ein neues Journal bei, das mir zugeschickt worden, woraus Sie den Einfluß Schlegelischer Ideen auf die neueste Kunsturteile zu Ihrer Verwunderung ersehen werden. Es ist nicht abzusehen, was aus diesem Wesen werden soll, aber weder für die Hervorbringung selbst, noch für das Kunstgefühl kann dieses hohle leere Fratzenwesen ersprießlich ausfallen. Sie werden erstaunen darin zu lesen, daß das wahre Hervorbringen in Künsten ganz bewußtlos sein muß, und daß man es besonders Ihrem Genius zum großen Vorzug anrechnet, ganz ohne Bewußtsein zu handeln. Sie haben also sehr unrecht, sich wie bisher rastlos dahin zu bemühen, mit der größtmöglichen Besonnenheit zu arbeiten, und sich Ihren Prozess klar zu machen. Der Naturalism ist das wahre Zeichen der Meisterschaft, und so hat Sophokles gearbeitet.

Wann ich nach Lauchstädt gehen werde, hängt von einem Brief ab, den ich noch von Körnern erwarte. Sollte das Projekt nicht zu Stande kommen, so werde ich auf einige Zeit nach Ettersburg gehen und mich dort für den Anfang meiner Arbeit zu sammeln suchen.

Mögen Ihnen die Musen günstig sein. Meine Frau grüßt Sie.

Sch.
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