> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 20.03.1801 (802)

2015-03-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 20.03.1801 (802)



 AN GOETHE

Jena, 20. März 1801.

Die mitgeteilten Novitäten folgen hier mit meinem besten Danke zurück.

Diese Adrastea ist ein bitterböses Werk, das mir wenig Freude gemacht hat. Der Gedanke an sich war nicht übel, das verflossene Jahrhundert, in etwa einem Dutzend reich ausgestatteten Heften, vorüber zu führen, aber das hätte einen andern Führer erfordert, und die Tiere mit Flügeln und Klauen die das Werk ziehen, können bloß die Flüchtigkeit der Arbeit und die Feindseligkeit der Maximen bedeuten. Herder verfällt wirklich zusehends und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob einer der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen sein kann. Es sind Ansichten in dem Buch, die man im Reichsanzeiger zu finden gewohnt ist; und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Literatur, um nur die Gegenwart zu ignorieren, oder hämische Vergleichungen anzustellen!

Und was sagen Sie zu der Aeonis? Haben Sie hier eine feste Gestalt gepackt? Ich gestehe, daß ich nicht recht weiß wovon die Rede ist; wovon die Rede sein soll, sieht man wohl. Indessen ist es gut, daß der Dünkel und der Widerspruchsgeist den Verfasser in die Arena herausgelockt haben, um in Nachahmung Ihres Vorbildes seine Schwäche und Ungeschicklichkeit an den Tag zu legen. Was an dem Stücke gut ist, die Aufstellung zweier Hauptfiguren als ein Gegensatz der sich auflöst und die Begleitung derselben mit allegorischen Nebenfiguren, dies ist Ihnen abgeborgt, und mit der eignen Erfindung beginnt die Pfuscherei.

Die Erzählung von Tressan hat mir in meiner Einsamkeit Vergnügen gemacht. Von den Ritterromanen, die er bearbeitet hat, ist zwar in ihn selbst wenig mehr übergegangen als eine gewisse moralische Reinheit und Delikatesse; statt der Natürlichkeit der Gefühle findet man nur den Kanzleistil derselben, und alles ist auf einen sentimentalen Effekt berechnet, aber eine gewisse Einfachheit in der Anlage und eine Geschicklichkeit in der Anordnung befriedigt und erfreut.

Den Ugolino können Sie auf keinen Fall brauchen. Es ist nichts damit zu tun als ihn an den Herrn Dr. Gries aus Hamburg, der sich noch hier aufhält so schnell als möglich zurückzugeben.

Der unaufhörliche Wind, dem ich auch bei verschlossenen Zimmern nicht entweichen kann, macht mir meinen Aufenthalt im Garten oft lästig, und hindert mich auch am Ausgehen, weil er mir die Brust angreift.

Indessen rückt doch die Arbeit immer fort, obgleich nicht mit schnellen Schritten.

Leben Sie recht wohl, Meyern viele Grüße.

Sch.

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