> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.09.1800 (766)

2015-03-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 23.09.1800 (766)




AN GOETHE.

Weimar, 23. September 1800.

Ihre neuliche Vorlesung hat mich mit einem großen und vornehmen Eindruck entlassen; der edle hohe Geist der alten Tragödie weht aus dem Monolog einem entgegen und macht den gehörigen Effekt, indem er ruhig mächtig das tiefste aufregt. Wenn Sie auch sonst nichts poetisches von Jena zurückbrächten, als dieses und was Sie über den fernem Gang dieser tragischen Partie schon mit sich ausgemacht haben, so wäre Ihr Aufenthalt in Jena belohnt. Gelingt Ihnen diese Synthese des Edeln mit dem Barbarischen, wie ich nicht zweifle, so wird auch der Schlüssel zu dem übrigen Teil des Ganzen gefunden sein, und es wird Ihnen alsdann nicht schwer sein, gleichsam analytisch von diesem Punkt aus den Sinn und Geist der übrigen Partien zu bestimmen und zu verteilen. Denn dieser Gipfel, wie Sie ihn selbst nennen, muß von allen Punkten des Ganzen gesehen werden und nach allen hinsehen.

Ich habe mich gestern an die Ausarbeitung meines Briefes gemacht und wenn ich Freitags, wie ich hoffe, damit fertig werde, so habe ich große Lust, sie selbst nach Jena zu bringen. Von einem einsamen Aufenthalt in meinem Garten, auch wenn das Wetter mich nicht gerade sehr begünstigen sollte, erwarte ich einen guten Einfluss. Im Oktober ist auf einige angenehme Tage gewiß zu rechnen. Die Frau findet sich darein, und es kommt hier alles nur auf die Gewöhnung an. Wir wollen uns übrigens beide in unsern Arbeiten nicht stören, wenn Sie die absolute Einsamkeit lieber haben.

Ich habe Mellish gestern gesprochen, und das lebhafte Interesse, das er jetzt schon an Ihrer Optik nimmt, nach allen Kräften zu unterhalten gesucht. Wenn ich hinüber kommen sollte, so würde ich auf eine Zusammenkunft mit ihm antragen, und Sie bitten, ihm noch einige entscheidende Aufschlüsse und weitere Anweisung zu geben. Er hat einen großen Begriff von der ganzen Sache, und sie scheint ihm so sehr bedeutend, das eben sein Erstaunen ihm noch einen Zweifel erweckt – Wenn Sie ihn also von der Unhaltbarkeit der Newtonischen Lehre durch den Augenschein überführen, so wird ihm die Sache wichtig genug sein, um alles daran zu wenden.

Daß Sie die Anzeige der neuen Preisaufgaben schon abgesendet, tut Meyern und mir beinahe leid; denn wir wollten Ihnen wegen der zweiten Aufgabe noch einige Vorstellungen machen. Auch wollte ich Ihnen einen Einfall der mir gekommen ist vortragen – ob man nämlich nicht das Publikum interessieren könnte, 150 oder 200 Loose, eins für einen Dukaten, zu kaufen, und alsdann die zwei oder drei besten Stücke an die Interessenten zu verlosen. Auf diese Art wäre es möglich für den ersten Preis hundert Dukaten auszusetzen, wobei freilich der Verfasser auf sein Werk Verzicht tun müßte – das Publikum würde für die Unternehmung und dadurch mittelbar für die Propyläen lebhaft interessiert, und kein Künstler könnte von der Konkurrenz ausbleiben.

Auch Meyer fand meine Idee praktikabel und vorteilhaft. Ich überlasse sie Ihrem weitern Nachsinnen.

Leben Sie recht wohl.

Sch.
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