> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.07 .1799 (625)

2015-03-09

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 15.07 .1799 (625)



AN GOETHE.

Jena den 15. Juli 1799.

Es waltet ein unholder Geist über Ihren guten Vorsätzen und Hoffnungen für diesen Sommer, der sich, besonders nach der glücklichen Entledigung vom Musenalmanach, so gut anließ, und noch dazu läßt sich's gewissen Leuten nicht einmal begreiflich machen, welches das Opfer ist, das Sie bringen. Wenn Sie indessen nur gewiß in vierzehn Tagen loskommen und für eine längere Zeit, so ist noch immer Hoffnung, daß etwas wesentliches noch geschehen kann.    

Ihre lange Abwesenheit macht, daß auch ich keine Anregung von außen erhalte und bloß in meinem Geschäft lebe. Mit den Philosophen, wie Sie wissen, kann man jetzt nur ind er Karte spielen und mit den Poeten, wie ich höre, nur kegeln. Denn man sagt, daß Kotzebue, der aber jetzt abwesend ist, dieses einzige gesellschaftliche Vergnügen hier genossen habe.

Senden Sie doch recht bald ein Exemplar der Propyläen nach Berlin, um dort, ehe es durch den Weg des Buchhandels dorthin kommt, einen Rumor zu erregen. Man sollte wirklich suchen, Gegenschriften zu veranlassen, wenn sie nicht von selbst kommen; denn an der Schadenfreude faßt man die Menschen am sichersten. Es würde deswegen auch nicht übel sein, wenn man den Aufsatz vom Kunstsammler auch schon in der Anzeige, die man im Posselt davon macht, als etwas Polemisches darstellte.

Haben Sie denn über den Dilettantism indessen nicht weiter nachgedacht? Ich sehnte mich nach einer solchen Anregung und würde gern meine Gedanken dazu beisteuern, wenn ich den aktiven Zustand des gesammelten Materials vor Augen hätte. Wenn es abgeschrieben ist und Sie es nicht brauchen, so senden Sie mir’s doch.

Sie werden vielleicht davon gehört haben, daß der hiesige Postverwalter Becker den Botenweibern ihr Postwesen legen will und diese jetzt keine Pakete, bloß Briefe, die sich verbergen lassen, mitnehmen können. Wenn man ihnen doch ihr altes Gewerbe wieder hersteilen könnte. Dieser Becker ist ein miserabler Patron, und auch außer seinen Chicanen als Postmeister ein böses Mitglied des hiesigen gemeinen Wesens, da er allen Ordensunfug und andre Liederlichkeiten hegt.

Leben Sie recht wohl und lassen Sie uns diese paar Wochen vom Juli wo möglich noch etwas vom Dilettantismus in Ordnung bringen.

Die Frau grüßt aufs beste.

Sch.
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