> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 04.06 .1799 (603)

2015-03-08

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 04.06 .1799 (603)



AN GOETHE

Jena den 4. Juni 1799.

Hier erfolgt Körners Aufsatz über den Wallenstein. Er ist aber, so wie er ist, nicht zu gebrauchen, weil er sich die Bequemlichkeit gemacht hat, lieber den Dichter, statt seiner, sprechen zu lassen, und auf diese Weise das Werk in Fetzen zerrissen vor das Publikum bringt. Wenn das Stück schon gedruckt wäre, möchte das hingehen, so aber finde ich meine Rechnung nicht dabei. Es ist glücklicherweise nicht so pressant es abzuschicken, denn ich denke Sie werden mit mir einig sein, daß man, weil man doch so lang gewartet hat, die Anzeige nach der vierten Vorstellung des Wallenstein abschickt. Bis dahin will ich die Körnerische Arbeit noch vornehmen, und darin mehr den erzählenden als den dramatischen Ton herrschen lassen, auch noch einige Ausschlüsse über das Ganze einflechten.  

Ich habe mich nicht enthalten können, weil das Schema zu den ersten Akten der Maria in Ordnung und in den letzten nur noch ein einziger Punkt unausgemacht ist, um die Zeit nicht zu verlieren, gleich zur Ausführung fortzugehen. Ehe ich an den zweiten Akt komme, muß mir in den letzten Akten alles klar sein. Und so habe ich denn heute, den 4. Juni, dieses Opus mit Lust und Freude begonnen und hoffe, in diesem Monat schon einen ziemlichen Teil der Exposition zurückzulegen.   

Was Sie mir von den Schwestern zu Lesbos schrieben hat mir großen Trost gewährt. Auch meine Schwägerin schrieb mir von dieser Zusammenkunft und konnte mir nicht genug rühmen, wie viel sie dabei gelernt habe. 

Ich lese jetzt, in den Stunden, wo wir sonst zusammenkamen, Lessings Dramaturgie, die in der Tat eine sehr geistreiche und belebte Unterhaltung gibt. Es ist doch gar keine Frage, daß Lessing unter allen Deutschen seiner Zeit über das, was die Kunst betrifft, am klarsten gewesen, am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das Wesentliche, worauf es ankommt, am unverrücktesten ins Auge 
gefaßt hat. Liest man nur ihn, so möchte man wirklich glauben, daß die gute Zeit des deutschen Geschmacks schon vorbei sei: denn wie wenig Urteile, die jetzt über die Kunst gefällt werden, dürfen sich an die seinigen stellen?

Ist es denn wahr, daß die Königin von Preußen den Wallensteinin Berlin nicht hat wollen spielen sehen, um ihn in Weimar zuerst kennenzulernen? .    

Schreiben Sie uns doch, ob die la Roche in Osmanstädt angelangt ist? Auch meiner Frau liegt an dieser Nachricht.

Auch bitte ich mir durch Vulpius das Verzeichnis der von mir einzusendenden Bücher zurückschicken zu lassen, nebst einem Katalog der Auktion, wenn noch einer zu haben.

Leben Sie recht wohl und genießen Sie die jetzigen angenehmen Tage.

Sch.
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