> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.06 .1799 (609)

2015-03-09

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 18.06 .1799 (609)



AN GOETHE.

Jena den 18. Juni 1799.

Es war mir sehr angenehm, nach einer ungewöhnlich langen Zeit die Züge Ihrer Hand wieder zu sehen. Hier hatte man uns gesagt, Sie wären nach W. zurück, um dem Minister Haugwitz den der Herzog mitgebracht, Gesellschaft zu leisten. Desto besser für Sie, daß Sie diese Zeit nützlicher haben anwenden können. Besser Wetter hätte ich Ihnen freilich gewünscht, denn auch hier war es so rauh, daß wir zum warmen Ofen zurückkehren mußten.     

Gegen meinen Fleiß verschwört sich diesen Sommer vieles. Ich erwarte in etwa acht Tagen meine Schwester mit meinem Schwager dem Bibliothekar Reinwald aus Meiningen hier; meiner Schwester gönne ich diese Zerstreuung gern, aber mit dem Schwager weiß ich nichts anzufangen, der wird mir wohl sechs Tage wie ein Klotz angebunden sein . 

Unter diesen Umständen kann ich freilich nicht, wie ich gedacht, bis zum Ende meines ersten Akts vor Ihrer Hieherkunft gelangen. Aber vorwärts ging es doch bisher immer, und nulla dies sine linea. Ich fange schon jetzt an, bei der Ausführung, mich von der eigentlich tragischen Qualität meines Stoffs immer mehr zu überzeugen, und darunter gehört besonders, daß man die Katastrophe gleich in den ersten Szenen sieht und, indem die Handlung des Stücks sich davon wegzubewegen scheint, ihr immer näher und näher geführt wird. An der Furcht des Aristoteles fehlt es also nicht, und das Mitleiden wird sich auch schon finden.

Meine Marie wird keine weiche Stimmung erregen, es ist meine Absicht nicht, ich will sie immer als ein physisches Wesen halten, und das Pathetische muß mehr eine allgemeine tiefe Rührung, als ein persönlich und individuelles Mitgefühl sein. Sie empfindet und erregt keine Zärtlichkeit, ihr Schicksal ist nur, heftige Passionen zu erfahren und zu entzünden. Bloß die Amme fühlt Zärtlichkeit für sie.            

Doch ich will lieber tun und ausführen, als Ihnen viel davon vorsagen, was ich tun will.

Man sagt hier, Bohs habe einen Ruf nach Petersburg, den er anzunehmen Lust habe. Es wäre doch schade, wenn man ihn verlöre, obgleich seine Gesundheit nicht lang auf ihn zählen läßt. Es würde Mühe kosten, ihn sogleich zu ersetzen.

Leben Sie recht wohl und sagen mir morgen, daß Sie wieder in Weimar sind. Meine Frau grüßt Sie schönstens. Meyern bitte ich bestens zu grüßen und ihm zu sagen, daß ich auf den Sonnabend antworten und die Bilder zurückschicken werde.

Leben Sie recht wohl.

Sch.
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