> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 05.05.1802 (853)

2015-03-23

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 05.05.1802 (853)



AN GOETHE.

Weimar, 5. Mai 1802.

Ich komme in diesem Augenblick aus der Regierung, wo man mich länger warten lassen, als ich dachte, und kann Ihnen also, da das Botenmädchen gleich fort will, bloß das nötigste schreiben.  

Iphigenia wäre auf keinen Fall auf den Sonnabend zu zwingen gewesen, weil die Hauptrolle sehr groß und schwer einzulernen ist. Es war schlechterdings nötig, der Voß Zeit dazu zu geben. Ich hoffe übrigens das Beste für dieses Stück; es ist mir nichts vorgekommen, was die Wirkung stören könnte. Gefreut hat es mich, daß die eigentlich poetisch schönen Stellen und die lyrischen besonders auf unsere Schauspieler immer die höchste Wirkung machten. Die Erzählung von den Thyestischen Greueln und nachher der Monolog des Orest, wo er dieselben Figuren wieder in Elysium friedlich zusammen sieht, müssen als zwei sich aufeinander beziehende Stücke und als eine aufgelöste Dissonanz vorzüglich herausgehoben werden. Besonders ist alles daran zu wenden, daß der Monolog gut exekutiert werde, weil er auf der Grenze steht und, wenn er nicht die höchste Rührung erweckt, die Stimmung leicht verderben kann. Ich denke aber, er soll eine sublime Wirkung machen .    

Den übeln Erfolg der Ariadne wird Ihnen der Hofkammerrat schon berichtet haben. Sie können ihm alles schlimme glauben, was er Ihnen davon schreiben mag; denn diese Elise ist eine armselige herz- und geistlose Komödiantin von der gemeinen Sorte, die durch ihre Ansprüche ganz unausstehlich wird. Doch Sie werden sie selbst sehen und hören, wenn Sie länger in Jena bleiben, denn sie denkt in etlichen Tagen ein Deklamation-Konzert dort zu geben.

Wir sind seit sechs Tagen eingezogen und freilich noch in größter Konfusion, doch habe ich mich in den Morgenstunden in etwas zur Arbeit sammeln können und hoffe nun bald recht in Gang zu kommen.

Zu der lyrischen Ausbeute gratuliere ich. Genießen Sie die schöne Jahrszeit aufs beste und denken unser.

Sch.
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