> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 17.09.1800 (764)

2015-03-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Goethe 17.09.1800 (764)




AN GOETHE.

Weimar, 17. September 1800.

Was die Reise nach Jena betrifft, so bin ich allerdings fest entschlossen, auf den Sonntag mit Meyern hinüber zu kommen; doch darf ich mir nicht erlauben über die Nacht auszubleiben, weil eine Unterbrechung meiner Arbeit von zwei Tagen mich gleich wieder zu sehr zerstreut. Doch hoffe ich nach neun Uhr drüben zu sein und kann auch bis Abends gegen neun Uhr bleiben. Ihren Pferden will ich die starke Tour nicht zumuten, an einem Tage hin und her zu gehen.

Mit Vergnügen lese ich, das Sie unterdessen bei dem Faust geblieben sind und noch ferner dabei bleiben wollen. Endlich muß sich doch etwas davon präcipitiren, da Sie noch mehrere Wochen Ruhe vor sich sehen.

Das Resultat der Gespräche mit Niethammern wünsche ich einmal aus Ihrem Munde zu hören. Ich habe dieser Tage Woltmanns Schrift über die Reformation, die bis an Luthers Tod fortgeführt ist, gelesen und bin durch jene theologische Revolution an die neueste philosophische erinnert worden. In beiden war etwas sehr bedeutend Reales, dort der Abfall von Kirchensatzungen und die Rückkehr zu den Quellen, Bibel und Vernunft, hier der Abfall vom Dogmatismus und der Empirie. Aber bei beiden Revolutionen sieht man die alte Unart der menschlichen Natur, sich gleich wieder zu setzen, zu befangen und dogmatisch zu werden. Wo das nicht geschieht, da fließt man wieder zu sehr auseinander, nichts bleibt fest stehen, und man endigt, so wie dort, die Welt aufzulösen und sich eine brutale Herrschaft über alles anzumaßen.

Übrigens ist Woltmanns Werk, das weitläufig werden könnte, um nichts reifer und versprechender als seine vorhergegangenen Staatengeschichten. Es kam darauf an, diesen Stoff, der seiner Natur nach, nach einem kleinlichen elenden Detail hinstrebt, und mit unendlich retardirendem Gange sich fortbewegt, in große fruchtbare Massen zu ordnen und mit wenigen Hauptstrichen ihm den Geist abzugewinnen. So aber geht der Historiker eben so umständlich und schwerfällig seinen Gang, wie die Reichsverhandlungen , er schenkt uns keinen kleinen Reichstag, kein nutzloses Kolloquium, man muß durch alles hindurch. In den Urteilen herrscht eine jugendliche schwächliche Wohlweisheit, ein gewisser Geist der Kleinigkeit und der Nebensache; in den Darstellungen Gunst und Abgunst. Bei alle dem liest sich das Buch nicht ohne Interesse.

Cottas Damen-Kalender rumort hier schon ziemlich wie ich höre – Sie haben ihn nun auch in Händen und werden, wie ich, diese jämmerliche Damenschriftstellerei und Buchhändler-Armseligkeit unsers Freundes aufs neu bedauert haben. Er rangiert sich hier wirklich neben die ärgsten Lumpen des Buchhandels, und auch die Königin von Preußen mußte an der Spitze stehen, damit er ja in nichts gegen Herrn Wilmans zurückbleibe.

Körner schreibt mir vor einigen Tagen, mit großem Verwundern, daß eine Nachricht da sei, die Humboldte geben sich mit Geistersehereien ab. Er hat es von Geßlern gehört. Eine gewisse Neigung hatte Humboldt wirklich nach dieser Seite gehabt, und es ist möglich, daß Paris dazu geholfen, sie zu entwickeln. Alexander soll den Geist seiner Mutter nicht loswerden können .

Ihren Brief an Humboldt werde ich morgen früh auf die Post geben.

Leben Sie recht wohl, und alle gute Geister seien mit Ihnen.

Sch.
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