> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 19.12.1798 (554)

2015-03-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 19.12.1798 (554)



AN SCHILLER 

Weimar, 19. Dezember 1798

Es mag mir etwas von Ihrer Meinung vorgeschwebt haben, indem ich, ehe ich den kleinen Aufsatz abschickte, bei mir zu Rate ging, ob ich ihn nicht mutatis mutandis zur Literaturzeitung geben oder die Materie für die Propyläen aufheben sollte? Indessen mag er zu jenem Picknick hingehen, das doch nicht auf eine Konsequenz der Schüsseln berechnet ist.

Boufflers hat mir auch, wie Ihnen, und in eben demselben Sinne recht wohl gefallen; dagegen haben die Franzosen und Vornehmen so viel ich hier vernehmen konnte, nicht zum besten davon sentirt, da es doch eigentlich für sie geschrieben ist. Auf welches Publikum soll denn der Schriftsteller rechnen und zählen?

Kants Anthropologie ist mir ein sehr wertes Buch und wird es künftig noch mehr sein, wenn ich es in geringem Dosen wiederholt genieße, denn im ganzen, wie es dasteht, ist es nicht erquicklich. Von diesem Gesichtspunkte aus sieht sich der Mensch immer im pathologischen Zustande, und da man, wieder alte Herr selbst versichert, vor dem sechzigsten Jahre nicht vernünftig werden kann, so ist es ein schlechter Spaß, sich die übrige Zeit seines Lebens für einen Narren zu erklären. Doch wird, wenn man zu guter Stunde ein paar Seiten drin liest, die geistreiche Behandlung immer reizend sein. Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.

Meinen Zustand in diesen Tagen kann ich auch nicht rühmen. Zu einer solchen Zeit sollte man eigentlich in einer großen Stadt sein, wo man von außen gereizt würde und sich selbst vergäße .        

Mechanische Arbeiten gehen nicht vom Flecke und geistige gelingen nicht. Schon diesem Briefe merke ich an daß ich meine Gedanken nicht wie sonst beisammen habe.

Wegen Wallenstein soll bei den Frankfurtern angefragt werden.

Unsere Theatralische Mutter wird in der ersten Hälfte des künftigen Monats erwartet. Leben Sie recht wohl bis auf bessere Tage, ich will noch sehen mich von manchem einzelnen zu befreien, damit man nach dem neuen Jahre an irgend etwas ganzes gehen kann.

G.
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