> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 30.09.1800 (770)

2015-03-18

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 30.09.1800 (770)




AN SCHILLER.

Jena am 30. September 1800.

Das Wetter fährt fort von der Art zu sein, daß es Sie wohl nicht reizen kann. In diesen Tagen habe ich den Eingang zu unserer Preiserteilung geschrieben und den Schluß dazu schematisiert; ich muß nun abwarten wie er zu Ihrer und Meyers Arbeit paßt.

Wenn ich Mittwoch Abends Meyers letzte Hälfte und Ihr Ganzes erhalten könnte so wär' ich freilich sehr gefördert: denn ich wünschte nicht eher wegzugehen bis alles ein Ganzes ist. In Weimar gelingt mir so etwas nicht, ich weiß es schon; denn ich brauche fast mehr Sammlung zum rhetorischen als poetischen. Es fiel mir ein daß ich noch einen Aufsatz von Humboldt über den Trimeter habe. Leider habe ich ihn, als er abgeschrieben war, nicht korrigiert; es kommen daher einige mir wenigstens unheilbare Schreibfehler darin vor. Auch liegt ein Teil seines Agamemnons bei; beides wird einigermaßen Ihren Wünschen entgegenkommen.

Wenn ich übrigens mit Niethammer und Friedrich Schlegel transscendentalen Idealism, mit Rittern höhere Physik spreche, so können Sie denken, daß die Poesie sich beinahe verdrängt sieht; doch läßt sich hoffen daß sie wieder zurückkehren werde.

Übrigens mag ich nun nach Hause gehen wenn ich will, so habe ich meine vier Wochen nützlich zugebracht und finde mich von allen Seiten gefördert. Manches habe ich nun zu verarbeiten, und wenn ich diesen Winter noch einen Monat hier zubringen kann, so wird es in mehr als Einem Sinne gut stehen. Leben Sie recht wohl, gedenken mein und sein Sie auf Ihre Weise fleißig.

G.

Ich lege noch vorjährige Bemerkungen über den Macbeth bei die ich zum Teil noch erst werde kommentieren müssen. Heben Sie solche bei sich auf oder geben sie Beckern.

Eben wollte ich meine Depesche schließen, als zu meiner größten Freude Ihr Aufsatz anlangt. Ich habe ihn geschwind gelesen und finde ihn so schön, gut und zweckmäßig, als Sie es selbst nicht wissen. Es fiel mir dabei ein: daß jede Partei in Venedig zwei Advokaten von verschiednem Charakter beim Plaidiren der Prozesse aufstellt, einen der den Vortrag macht und einen andern der concludirt.

Aus unserm Dreiklang soll diesmal etwas recht artiges entstehen. Meine Peroration, die Sie mir zum Teil weggenommen haben, will ich nun zu der Einleitung schlagen und was mir ja noch übrig bliebe zu der Preisaufgabe aufs folgende Jahr, wo sich auch noch mancherlei sagen läßt. Doch das wird sich alles erst finden wenn ich Meyers Rezension habe, auf die ich morgen hoffe. Die Einheit in der Verschiedenheit der drei Töne wird sich recht gut aufnehmen. Ich danke Ihnen tausendmal für guten Beistand. Ich wollte auch die Motive klassifizieren, ich fürchtete aber, schon bei Durchsicht meines Schemas, das ich ins Trockne fallen könnte. Bei Ihnen ist nun alles in Fluß.

Leben Sie recht wohl, und schenken Sie doch auch der flüchtigen Skizze einen Blick, die ich Meyern über die verschiedene Lage der Kunst in Deutschland zuschickte.

G.

Bemerkungen zu Macbeth.

Versuch die Stimmen der Hexen unkenntlicher zu machen.

Ihre symmetrische Stellung zu nuancieren.

Ihnen einige Bewegung zu geben.

Wo es nötig, längere Kleider um den Kothurn zu bedecken.

Donalbains Schwert muß neuer aussehen.

Rosse und der König müssen andere Abgänge arrangieren.

Macbeth und Banko, wenn sie mit den Hexen sprechen, treten mehr gegen das Proscenium. 

Die Hexen treten näher zusammen.

Lady Macbeth spricht nicht rückwärts im ersten Monolog.

Fleance muß einen andern Leuchter haben.10. Gebt mir mein Schwert. Zweifel über diese Stelle des Banko.

Nicht so starr.

Eine tiefere Glocke ist anzuschaffen.

Macbeth sollte als König prächtiger erscheinen.

Die Tafel sollte nicht so modern besetzt sein.

Der Mittelaufsatz müßte vergoldet sein um gegen das Gespenst besser abzustechen.

Die Lichter sind gerad zu stecken und müssen stärkere Lichter genommen werden.

Banko's Gesicht ist blässer zu machen.

Es ist für Stühle zu sorgen die nicht fallen.

Ein großer Helm ist zu machen.Die Kinder müssen wieder heraus aus dem Kessel; sie sind zu maskieren und auffallender zu dekorieren. NB. Die Schatten langsamer und die Gestalten im Charakter mehr abgeändert.

Nach der Hexenszene sollte etwas Musik sein ehe Malkolm und Macduff eintreten.

Fragen ob man nicht einen Monolog von Malkolm sollte vorausgehen lassen in welchem er die Sorge von Verräterei ausdruckt. Ich weiß nicht woran es lag, aber der Effekt dieser Szene ging mir ganz verloren.

Macduffs Gebärden da er den Tod der Seinigen erfährt.

Eylenstein als Arzt muß nicht so gebückt sitzen und nicht so sehr in sich reden.

Arrangement und Wandeln in dieser Szene.

Mannigfaltigere Motive des Gefechts.

Stärkere Klingen für die Hauptfechtenden.

Sollte man nicht die Rolle des jungen Seiwards einer andern Person zu geben suchen? Dem. Caspars wird an dieser Stelle auch noch für Donalbain gehalten.
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