> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 26.06 .1799 (614)

2015-03-09

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 26.06 .1799 (614)



AN SCHILLER 

Weimar, 26. Juni 1799

Ich habe heute keinen Brief von Ihnen erhalten und mich deswegen kaum überzeugen können, daß es Mittwoch sei. Möge das Hindernis aus keiner unangenehmen Ursache entsprungen sein! Was mich betrifft, so rege ich mich wenigstens, da ich mich nicht bewegen kann.

Ich lasse meine kleinen Gedichte zusammenschreiben, woraus ein wunderlicher Kodex entstehen wird.

Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihren Taucher wieder gelesen, der mir wieder außerordentlich wohl und, wie mich sogar dünkt, besser als jemals gefallen hat.

Die Phänomene der sogenannten Inflexion waren auch heute wieder bei dem schönen Sonnenschein an der Tagesordnung.

Es ist bald gesagt: man solle genau beobachten! Ich verdenke es aber keinem Menschen, wenn er geschwind mit einer hypothetischen Enunziation die Erscheinungen beiseite schafft. Ich will in gegenwärtigem Falle alles, was nur an mir ist, zusammennehmen und brauchen, es ist aber auch nötig. Dagegen sehe ich wohl, daß es vielleicht der letzte Knoten ist, der mich noch bindet, durch dessen Auflösung wahrscheinlich die schönste Freiheit über das Ganze zu erringen ist.

Leben Sie recht wohl und fleißig.

G.
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