> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.12.1803 (924)

2015-03-27

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.12.1803 (924)




AN SCHILLER 

Jena den 13. Dezember 1803

Vorauszusehen war es, daß man mich, wenn Madame de Stael nach Weimar käme, dahin berufen würde. Ich bin mit mir zu Rate gegangen, um nicht vom Augenblick überrascht zu werden, und hatte zum voraus beschlossen, hier zu bleiben. Ich habe, besonders in diesem bösen Monat, nur geradeso viel physische Kräfte, um notdürftig auszulangen, da ich zur Mitwirkung an einem so schweren und bedenklichen Geschäft verpflichtet bin. Von der geistigsten Übersicht bis zum mechanischen typographischen Wesen muß ich’s wenigstens vor mir haben. Wie viele Tage sind denn noch hin, daß alles fertig sein und bei einer leidenschaftlichen Opposition mit Geschick erscheinen soll? Sie, werter Freund, sehen gewiß mit Grausen meine Lage an, in der mich Meyer trefflich soulagiert, die aber von niemand kann erkannt werden; denn alles, was nur einigermaßen möglich ist, wird als etwas Gemeines angesehen. Deshalb möchte ich Sie recht sehr bitten, mich zu vertreten; denn niemanden fällt bei dieser Gelegenheit der Taucher wohl ein als mir, und niemand begreift mich als Sie. Leiten Sie daher alles zum Besten, insofern es möglich ist. Will Madame de Stael mich besuchen, so soll sie wohl empfangen sein. Weiß ich es vierundzwanzig Stunden voraus, so soll ein Teil des Loderischen Quartiers möbliert sein, um sie aufzunehmen, sie soll einen bürgerlichen Tisch finden, wir wollen uns wirklich sehen und sprechen, und sie soll bleiben, solange sie will. Was ich hier zu tun  habe, ist in einzelnen Viertelstunden getan, die übrige Zeit soll ihr gehören; aber in diesem Wetter zu fahren, zu kommen, mich anzuziehen, bei Hof und in Sozietät zu sein, ist rein unmöglich, so entschieden als es jemals von Ihnen, in ähnlichen Fällen, ausgesprochen worden.

Dieses alles sei Ihrer freundschaftlichen Leitung anheim gegeben, denn ich wünsche nichts mehr, als diese merkwürdige, so sehr verehrte Frau wirklich zu sehen und zu kennen, und ich wünsche nichts so sehr, als daß sie diese paar Stunden Wegs an mich wenden mag. Schlechtere Bewirtung, als sie hier finden wird, ist sie unterwegs schon gewohnt. Leiten und behandeln Sie diese Umstände mit Ihrer zarten freundschaftlichen Hand, und schicken Sie mir gleich einen Expressen, sobald sich etwas Bedeutendes ereignet.

Glück zu allem, was Ihre Einsamkeit hervorbringt, nach eignem Wünschen und Wollen! Ich rudre in fremdem Element herum, ja, ich möchte sagen, daß ich nur drin patsche, mit Verlust nach außen und ohne die mindeste Befriedigung von innen oder nach innen. Da wir denn aber, wie ich nun immer deutlicher von Polygnot und Homer lerne, die Hölle eigentlich hier oben vorzustellen haben, so mag denn das auch für ein Leben gelten. Tausend Lebewohl! im himmlischen Sinne.

G.
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