> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.06 .1799 (604)

2015-03-08

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.06 .1799 (604)



AN SCHILLER.


Weimar den 5. Juni 1799.

Ich gratuliere zum Anfang der Ausarbeitung des neuen Stücks. So wohl es getan ist seinen Plan im Ganzen gehörig zu überlegen, so hat doch die Ausführung, wenn sie mit der Erfindung gleichzeitig ist, so große Vorteile die nicht zu versäumen sind.

Körner hat sich die Sache freilich sehr leicht gemacht. Er hat statt einer Relation einen Aktenextrakt geschickt. Vielleicht denken Sie ein wenig darüber und nach der vierten Vorstellung des Wallensteins läßt man den Aufsatz abgehen.   

Es ist an dem, daß der König und die Königin denWallenstein in Berlin nicht gesehen haben, und wirklich, wiees scheint, um dem Herzog ein Kompliment zu machen, dersie wegen der Wahl der Stücke befragte und wegen diesesTrauerspiels ihre Zustimmung erhielt.

Was mich betrifft, so habe ich mich bloß durch gänzliche Resignation vom Unmut erretten können, da an eine zusammenhängende Arbeit nicht zu denken ist. Indessen da es manches zu tun gibt, so vergeht die Zeit, und ich sehe doch auf den Juli wieder bessern Stunden entgegen.

Die Schwestern von Lesbos werden indessen leidlich gefördert. Es freut mich sehr daß die erste Konferenz sich mit Zufriedenheit beider Teile geendigt hat, es war nicht allein vorteilhaft für diesen Fall, sondern auch für die nächsten Fälle.

Frau von la Roche ist noch nicht angekommen, verschiebt auch, so viel man vernimmt, ihre Reise. Vielleicht verzieht sich das Gewitter, ohne daß wir nötig haben zu den Lobedaischen Ableitern unsere Zuflucht zu nehmen.

Mit welcher unglaublichen Verblendung der alte Wieland in den allzufrühen metakritischen Triumph einstimmt, werden Sie aus dem neusten Stücke des Merkurs, mit Verwunderung und nicht ohne Unwillen, ersehen. Die Christen behaupteten doch: in der Nacht da Christus geboren worden, seien alle Orakel auf einmal verstummt, und so versichern nun auch die Apostel und Jünger des neuen philosophischen Evangelii: daß in der Geburtsstunde der Metakritik der Alte zu Königsberg, auf seinem Dreifuß, nicht allein paralysiert worden, sondern sogar wie Dagon herunter und auf die Nase gefallen sei. Kein einziges der ihm zu Ehren errichteten Götzenbilder stehe mehr auf seinen Füßen, und es fehlt nicht viel daß man nicht für nötig und natürlich finde sämmtliche Kantsgenossen, gleich jenen widerspenstigen Baalspfaffen, zu schlachten.

Für die Sache selbst ist es mir kein gutes Anzeichen daß man glaubt solcher heftigen und doch keineswegs auslangenden Empfehlungen zu bedürfen.

Der Humboldtische Brief kommt auch hier wieder zurück.

Mögen Sie dem Gesuch des Herrn von Fritsch , das er in beiliegendem Blättchen anbringt, wohl deferiren?

Hier schicke ich den gedruckten Catalogus. Ihre Bücher sind zwischen den zwei roten Strichen eingeschlossen.

Das Paket an Hufeland bitte besorgen zu lassen.

Heute abend wünschte ich, daß Sie die Aufführung der Theatralischen Abenteuer sehen könnten; sie wird gewiß vorzüglich gut werden, weil sie als Hauptprobe dienen soll, um die Aufführung vor dem König vorzubereiten. Ich habe gestern und vorgestern die Proben und Vorproben mit Vergnügen besucht und auch dabei wieder die Bemerkung gemacht, wie sehr man mit einer Kunst in Verhältnis, Übung und Gewohnheit bleiben muß, wenn man ihre Produktionen einigermaßen genießen und etwa gar beurteilen will. Ich habe schon öfters bemerkt, daß ich, nach einer langen Pause, mich erst wieder an Musik und bildende Kunst gewöhnen muß, um ihnen im Augenblick was abgewinnen zu können. Leben Sie recht wohl und bereiten mir durch Ihren Fleiß einen schönen Empfang.

G.
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