> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.12.1798 (544)

2015-03-04

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.12.1798 (544)



AN SCHILLER

Weimar, 1. Dezember 1798

Wie sehr unterschieden ist der Nachklang unserer ruhigen Betrachtungen, den ich aus Ihrem Briefe vernehme, von dem Getöse, das mich die paar Tage meines hiesigen Aufenthalts schon wieder umgibt. Doch war er nicht ohne Nutzen für mich; denn Graf Frieß hat unter andern ein Dutzend alte Kupfer von Martin Schön mitgebracht an denen ich zuerst das Verdienst und Unverdienst dieses Künstlers schematisieren konnte. Es ist uns höchst wahrscheinlich, obgleich Freund Lerse die entgegengesetzte Hypothese hat, daß die Deutschen in einer frühern Connexion mit Italien gestanden.

Die Behandlungsart, die Sie den chromatischen Arbeiten vorschreiben, bleibt freilich mein höchster Wunsch, doch fürchte ich fast, daß sie wie jede andere Idee unerreichbar sein wird; das Mögliche wird durch Ihre Teilnahme hervorgebracht werden. Jedermann hält die Absonderung der Hypothese vom Fakto sehr schwer, sie ist aber noch schwerer, als man gewöhnlich denkt, weil jeder Vortrag selbst, jede Methode schon hypothetisch ist.

Da Sie als ein Dritter nunmehr nach und nach meinen Vortrag anhören, so werden Sie das Hypothetische vom Faktischen besser trennen, als ich es nun für die Zukunft je vermag,weil sich gewisse Vorstellungsarten doch bei mir festgesetzt und gleichsam faktisiert haben. Ferner ist Ihnen das interessant,woran ich mich schon matt und müde gedacht habe,und Sie finden die Hauptpunkte, worauf das meiste ankommt,eher heraus. Doch davon ist jetzt keine Zeit zu reden;   ich erwarte Freunde zum Frühstück, und von da wird es bis zur Zauberflöte zwar nicht feenmäßig, doch bunt und unruhig genug zugehen.

Leben Sie recht wohl, grüßen Ihre liebe Frau und gedenken mein, wenn Sie den Braten verzehren, den ich Ihnen hier überschicke.

G.
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