> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 10.08 .1799 (639)

2015-03-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 10.08 .1799 (639)



AN SCHILLER 

Weimar, 10. August 1799

Nachdem ich diese Woche ziemlich in der Einsamkeit meines Gartens zugebracht, habe ich mich wieder auf einen Tag in die Stadt begeben und zuerst das Schloß besucht, wo es sehr lebhaft zugeht. Es sind hundertundsechzig Arbeiter angestellt, und ich wünschte, daß Sie einmal die mannigfaltigen Handwerker in so einem kleinen Raume beisammen arbeiten sähen. Wenn man mit einiger Reflexion zusieht, so wird es sehr interessant, die verschiedensten Kunstfertigkeiten, von der gröbsten bis zu der feinsten, wirken zu sehen. Jeder tut nach Grundsätzen und aus Übung das Seinige. Wäre nur immer die Vorschrift, wornach gearbeitet wird, die beste! denn leider kann auf diesem Wege ein geschmackvolles Werk so gut als eine barbarische Grille zustande kommen.  

An den Gedichten wird immer ein wenig weiter gearbeitet und abgeschrieben.

Durch das Steinische Spiegelteleskop habe ich einen Besuch im Monde gemacht. Die Klarheit, mit welcher man die Teile sieht, ist unglaublich; man muß ihn im Wachsen und Abnehmen betrachten, wodurch das Relief sehr deutlich wird. Sonst habe ich noch mancherlei gesehen und getrieben. Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.

Es ist keine Frage, daß Sie unendlich gewinnen würden, wenn Sie eine Zeit lang in der Nähe eines Theaters sein könnten. In der Einsamkeit steckt man diese Zwecke immer zuweit hinaus. Wir wollen gerne das Unsrige dazu beitragen, um das Vorhaben zu erleichtern. Die größte Schwierigkeit ist wegen eines Quartiers. Da Thouret wahrscheinlich erst zu Ende des Septembers kommt, so wird man ihn den Winter über wohl festhalten. Das wegen Gespenster berüchtigte Gräflich Wertherische Haus, das für jemanden, der das Schauspiel fleißig besuchen will, bequem genug liegt, ist, soviel ich weiß, zu vermieten; es wäre wohl der Mühe wert, das Gebäude zu entzaubern.           

Lassen Sie uns der Sache weiter nachdenken. Leben Sie indessen recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

G.
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