> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.05.1803 (902)

2015-03-26

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 22.05.1803 (902)




AN SCHILLER 

Jena, 22. Mai 1803

Mit ein paar Worten muß ich Ihnen nur sagen: daß es mir diesmal, bis auf einen gewissen Grad, mit der Farbenlehre zu gelingen scheint. Ich stehe hoch genug, um mein vergangenes Wesen und Treiben, historisch, als das Schicksal eines Dritten anzusehen. Die naive Unfähigkeit, Ungeschicklichkeit, die passionierte Heftigkeit, das Zutrauen, der Glaube, die Mühe, der Fleiß, das Schleppen und Schleifen und dann wieder der Sturm und Drang, das alles macht in den Papieren und Akten eine recht interessante Ansicht; aber unbarmherzig exzerpiere ich nur und ordne das auf meinem jetzigen Standpunkt Brauchbare, das übrige wird auf der Stelle verbrannt. Man darf die Schlacken nicht schonen, wenn man endlich das Metall heraus haben will.

Wenn ich das Papier los werde, habe ich alles gewonnen; denn das Hauptübel lag darin, daß ich, ehe ich der Sache gewachsen war, immer wieder einmal schriftlich ansetzte, sie zu behandeln und zu überliefern. Dadurch gewann ich jedesmal! Nun aber liegen von Einem Kapitel manchmal drei Aufsätze da, wovon der erste die Erscheinungen und Versuche lebhaft darstellt, der zweite eine bessere Methode hat und besser geschrieben ist, der dritte, auf einem höhern Standpunkt, beides zu vereinigen sucht und doch den Nagel nicht auf den Kopf trifft. Was ist nun mit diesen Versuchen zu tun? sie auszusaugen gehört Mut und Kraft, und Resolution sie zu verbrennen, denn Schade ist's immer. Wenn ich fertig bin, in so fern ich fertig werden kann, so wünsche ich mir sie gewiss wieder, um mich mir selbst historisch zu vergegenwärtigen und ich komme nicht zum Ziel, wenn ich sie nicht vertilge.

Und so viel von meinen Freuden und Leiden. Schreiben Sie mir auch bald was, wie es Ihnen geht.

Hermann und sein Gefolge hat sich also schlecht exhibirt. Das Goldene Zeitalter hat seine Nachkömmlinge nicht sonderlich versorgt.

Leben Sie recht wohl.

G.
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