> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 27.07 .1799 (631)

2015-03-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 27.07 .1799 (631)



AN SCHILLER 

Weimar, 27. Juli 1799

Ich habe heute keinen Brief von Ihnen erhalten, wahrscheinlich, weil Sie glauben, daß ich kommen werde; ich muß aber meine alte Litanei wieder anstimmen und melden, daß ich hier noch nicht loskomme. Die Geschäfte sind polypenartig; wenn man sie in hundert Stücke zerschneidet, so wird jedes einzelne wieder lebendig. Ich habe mich indessen drein ergeben und suche meine übrige Zeit so gut zu nutzen, als es gehen will. Aber jede Betrachtung bestärkt mich in jenem Entschluß: bloß auf Werke, sie seien von welcher Art sie wollen, und deren Hervorbringung meinen Geist zu richten und aller theoretischen Mitteilung zu entsagen. Die neuesten Erfahrungen haben mich aufs neue überzeugt: daß die Menschen statt jeder Art von echter theoretischer Einsicht nur Redensarten haben wollen, wodurch das Wesen, was sie treiben, zu etwas werden kann. Einige Fremde, die unsere Sammlung besuchten, die Gegenwart unserer alten Freundin und über alles das sich neu konstituierende Liebhabertheater haben mir davon schreckliche Beispiele gegeben, und die Mauer, die ich schon um meine Existenz gezogen habe, soll nun noch ein paar Schuhe höher aufgeführt werden.

Im Innern sieht es dagegen gar nicht schlimm aus. Ich bin in allen Zweigen meiner Studien und Vorsätze um etwas weniges vorgerückt, wodurch sich denn wenigstens das innere fortwirkende Leben manifestiert, und Sie werden mich in gutem Humor und zur Tätigkeit gestimmt Wiedersehen.

Ich dachte Sie auf einen Tag zu besuchen; dadurch ist uns aber nicht geholfen; denn wir bedürfen nun schon einiger Zeit, um uns wechselseitig zu erklären und etwas zustande zu bringen.     

Heute drohet Ihnen, wie ich höre, ein Besuch der la Rochischen Nachkommenschaft. Ich bin neugierig wie es damit abläuft. Was mich betrifft bin ich diese Tage so ziemlich in meiner Fassung geblieben: erlustigen aber wird Sie das unendliche Unglück in welches Meyer bei dieser Gelegenheit geraten ist, indem diese seltsamen und, man darf wohl sagen, unnatürlichen Erscheinungen ganz neu und frisch auf seinen reinen Sinn wirkten.

Damit ich aber diesmal nicht ganz leer erscheine, lege ich ein Paar sonderbare Produkte bei, davon Sie das eine wahrscheinlich mehr als das andere unterhalten wird.

Leben Sie recht wohl, gedenken mein und geben mir Nachricht von Ihrem Befinden und Tun.

G.
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