> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 21.08 .1799 (645)

2015-03-11

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 21.08 .1799 (645)



AN SCHILLER.

Weimar am 21. August 1799.

Mein stilles Leben im Garten trägt immerfort wo nicht viele doch gute Früchte.

Ich habe diese Zeit fleißig Winckelmanns Leben und Schriften studiert. Ich muß mir das Verdienst und die Einwirkung dieses wackern Mannes im Einzelnen deutlich zu machen suchen.

An meinen kleinen Gedichten habe ich fortgefahren zusammen zu stellen und zu korrigieren. Man sieht auch hier daß alles auf das Prinzip ankommt woraus man etwas tut. Jetzt da ich den Grundsatz eines strengeren Sylbenmaßes anerkenne, so bin ich dadurch eher gefördert als gehindert. Es bleiben freilich manche Punkte, über welche man ins Klare kommen muß. Voß hatte uns schon vor zehn Jahren einen großen Dienst getan, wenn er, in seiner Einleitung zu den Georgiken, über diesen Punkt etwas weniger mystisch geschrieben hätte.

Diese Woche bin ich wider meine Gewohnheit meist bis Mitternacht aufgeblieben, um den Mond zu erwarten den ich durch das Auchische Teleskop mit vielem Interesse betrachte. Es ist eine sehr angenehme Empfindung einen so bedeutenden Gegenstand, von dem man vor kurzer Zeit so gut als gar nichts gewußt, um so viel näher und genauer kennen zu lernen. Das schöne Schröterische Werk, die Selenotopographie, ist freilich eine Anleitung durch welche der Weg sehr verkürzt wird. Die große nächtliche Stille hier außen im Garten hat auch viel Reiz, besonders da man Morgens durch kein Geräusch geweckt wird, und es dürfte einige Gewohnheit dazu kommen, so könnte ich verdienen in die Gesellschaft der würdigen Lucifugen aufgenommen zu werden.     

Soeben wird mir Ihr Brief gebracht. Der neue tragische Gegenstand, den Sie angeben, hat auf den ersten Anblick viel Gutes, und ich will weiter darüber nachdenken. Es ist gar keine Frage, daß, wenn die Geschichte das simple Faktum, den nackten Gegenstand, hergibt und der Dichter Stoff und Behandlung, so ist man besser und bequemer dran, als wenn man sich des Ausführlichem und Umständlichem der Geschichte bedienen soll; denn da wird man immer genötigt, das Besondere des Zustandes mit aufzunehmen, man entfernt sich vom rein Menschlichen, und die Poesie kommt ins Gedränge.   

Von Preiszeichnungen ist erst Eine eingegangen, welche in Betrachtung kommt und lobenswürdige Seiten hat; einige andere sind unter aller Kritik und es fällt einem der durch jenes Rätsel aufgeregte deutsche Pöbel ein.

Wegen des Almanachs müssen wir nun einen Tag nach dem andern hinleben und das mögliche tun. Der dritte Gesang, den ich mit den Frauenzimmern durchgegangen, ist nun in der Druckerei und wir wollen nun dem vierten nachzuhelfen suchen. Es ist immer keine Frage daß das Gedicht viel Anlage und viel Gutes hat, nur bleibt es in der Ausführung zu weit hinter dem zurück was es sein sollte, obgleich inzwischen daß Sie es nicht gesehen haben viel daran geschehen ist.

Frau von Kalb läßt wirklich ihre Sachen wegschaffen und das Quartier wird also leer. Freilich wird es nur an jemand gegeben werden können, der es aufs ganze Jahr mietet. Indessen müßte man einen Entschluss fassen und wir hätten von Seiten des Theaters alle Ursache Ihnen diese Expedition zu erleichtern.

Der Bergrat Scherer, der sich zu verheiraten denkt , macht, höre ich, Spekulation darauf; geschähe diese Veränderung, so würde bei Wolzogen die obere Etage leer, wo Ihre Familie wohnen könnte. Ihnen gäben wir das Thouretische und würden, wenn Sie mit diesem hier zusammenträfen, für diesen schon ein ander Quartier zu finden wissen. Das muß man denn alles hin und her bedenken und bereden bis man zur Entschließung benötigt wird. Und hiermit leben Sie für heute wohl und grüßen Sie Ihre liebe Frau.

G.
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