> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.03 .1799 (576)

2015-03-06

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 03.03 .1799 (576)



AN SCHILLER 

Weimar, 3. März 1799

Ihr Brief kam mir gestern sehr spät zu, und ich antworte heute, um diese Kommunikation wieder in Gang zu bringen.


Ich freue mich, daß dieser Winter überhaupt Ihnen günstig war, da er sich so schlecht gegen mich betrug. Es ist keineFrage, daß wir zusammen in manchem Sinne vorwärts gekommen sind, und ich hoffe, die gute Jahrszeit wird uns die Stimmung geben, um es auch praktisch zeigen zu können.

Körners Brief kommt mir wunderbar vor, wie überhauptalles Individuelle so wunderbar ist. Es weiß sich kein Mensch weder in sich selbst noch in andere zu finden und muß sich eben sein Spinnengewebe selbst machen, aus dessen Mitte erwirkt. Das alles weist mich immer mehr auf meine poetische Natur zurück. Man befriedigt bei dichterischen Arbeiten sich selbst am meisten und hat noch dadurch den besten Zusammenhang mit andern.

Wegen Wallensteins Lager will ich eine strenge Untersuchung anstellen lassen. Ihre Vermutung scheint mir nur allzu gegründet. In diesen glorreichen Zeiten, wo die Vernunft ihr erhabenes Regiment ausbreitet, hat man sich täglich, von den würdigsten Männern, eine Infamie oder Absurdität zu gewärtigen.

Ich betreibe nun meine hiesigen Geschäfte und Angelegenheiten so, daß ich mich dadurch auf die nächste Zeit freimache.  Übrigens bin ich vom schlimmsten Humor, der sich auch wohl nicht verbessern wird, bis irgendeine Arbeit von Bedeutung wieder gelungen sein wird.

Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre liebe Frau und seien Sie recht fleißig; was mich betrifft, so sehe ich voraus, daß ich keine zufriedene Stunde haben werde, bis ich mich wieder in Ihrer Nähe befinde, um auf eine erwünschte Weise tätig sein zu können. Auf den Sommer muß ich mir was erfinden, es sei was es will, um mir eine gewisse Heiterkeit wiederzugeben, die ich in der schlimmsten Jahrszeit ganz vermißte.

G.

Übersicht aller Briefe                                                                                                   nächster Brief



Keine Kommentare: