> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 11.05.1802 (857)

2015-03-23

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 11.05.1802 (857)



AN SCHILLER 

Jena, 11. Mai 1802

Ob noch Sonnabend den Fünfzehnten Iphigenie wird sein können, hoffe ich durch Ihre Güte morgen zu erfahren und werde alsdann eintreffen, um an Ihrer Seite einen der wunderbarsten Effekte zu erwarten, die ich in meinem Leben gehabt habe, die unmittelbare Gegenwart eines, für mich, mehr als vergangenen Zustandes.   

Mit meinem hiesigen Aufenthalt bin ich recht wohl zufrieden. Das Geschäft ist weiter gediehen als ich hoffte, obgleich, wenn man strenge will, noch wenig geschehen ist. Wenn man aber denkt, daß man in solchem Falle eigentlich nur auf Exekution liegt und, vom handwerksmäßigsten bis zum literarischten Mitarbeiter, jeder bestimmt, geleitet, angestoßen, rectificiert und wieder ermuntert sein will, so ist man zufrieden, wenn man nur einigermaßen vorrückt.

Der Bibliothekssekretär Vulpius hat sich musterhaft gezeigt, er hat, in dreizehen Tagen, 2134 Stück Zettel geschrieben: das heißt Bücher-Titel, auf einzelne Zettel, ausgeschrieben. Überhaupt sind vier Personen etwa mit 6000 Zetteln in dieser Zeit fertig geworden, wo man ohngefähr sieht was zu tun ist.

Diese Büchermasse war die ungeordnete, nachgelassene, nun kommen wir auch an die schon stehende, ältere. Indessen muß das Ganze doch, oberflächlich, auf einen wirken, und es ist wie eine Art von Bad, ein schwereres Element, in dem man sich bewegt und in dem man sich leichter fühlt, weil man getragen wird.

Ich habe in dieser Zeit manches gelernt und einiges getan. Könnte ich Sie und Meyern, über den andern Abend, mit meinem neugefundenen unterhalten und dagegen wieder von dem Ihrigen einnehmen, so wüßte ich mir nichts besseres. Vielleicht wird aber für uns alle dieses dreiwöchentlich zusammengedrängte nur desto erfreulicher.

Leben Sie recht wohl und sagen mir von sich nur wenige Worte, durch den Boten.

G.
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