> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 18.03.1801 (801)

2015-03-20

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 18.03.1801 (801)




AN SCHILLER, 

Weimar am 18. März 1801.

Obgleich Florentin als ein Erdgeborner auftritt, so ließe sich doch recht gut seine Stammtafel machen, es können durch diese Filiationen noch wunderliche Geschöpfe entstehen.

Ich habe ohngefähr hundert Seiten gelesen und konformIre mich mit Ihrem Urteil. Einige Situationen sind gut angelegt, ich bin neugierig ob sie die Verfasserin in der Folge zu nutzen weiß. Was sich aber ein Student freuen muß, wenn er einen solchen Helden gewahr wird! Denn so ohngefähr möchten sie doch gern alle aussehen.

Dagegen sende ich Ihnen eine andere Erscheinung, die, wie sie sagt, vom Himmel kommt, allein, wie mich dünkt, gar zu viel von dieser altfränkischen Erde an sich hat. Der Verfasser dieses Werkleins scheint mir sich wie im Fegfeuer zwischen der Empirie und der Abstraktion, in einem sehr unbehaglichen Mittelstande zu befinden; indes ist weder an Inhalt noch an Form etwas über das sonst gewohnte.

Ich wünsche daß Schlegel von diesem Kampf einigen Vorteil ziehen möge, denn freilich habe ich seine Gabe als Dozent, auch von seinen besten Freunden, nicht rühmen hören.

Ob wir gleich Ihre Abwesenheit hier sehr fühlen: so wünsche ich doch daß Sie so lange als möglich drüben bleiben. Wenigstens ist mir die letzte Zeit immer in der Einsamkeit die günstigste gewesen, welches ich Ihnen auch von Herzen wünschen will.

Keinen eigentlichen Stillstand an Faust habe ich noch nicht gemacht, aber mitunter nur schwache Fortschritte. Da die Philosophen auf diese Arbeit neugierig sind, habe ich mich freilich zusammen zu nehmen.

Hartmanns erster Entwurf von dem angezeigten Bilde hat schon vieles zur Sprache gebracht, wenn er das prosaisch reelle durch das poetisch symbolische erheben lernt, so kann es was erfreuliches werden.

Übrigens sagte ich neulich zu Meyern: wir stehen gegen die neuere Kunst wie Julian gegen das Christentum, nur daß wir ein bisschen klarer sind als wie er. Es ist recht sonderbar wie gewisse Denkweisen allgemein werden und sich lange Zeit erhalten können und so lange wirklich als ein Bestehendes der menschlichen Natur angesehen werden können. Es ist dies einer von den Hauptpunkten auf den zu reflektieren ist, wenn die Preisfrage zur Sprache kommt.

Leben Sie recht wohl und genießen das akademische Wesen nach Herzenslust.

G.
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