> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.12.1798 (546)

2015-03-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.12.1798 (546)



AN SCHILLER 

Weimar, 5. Dezember 1798

Ihr Brief findet mich in großer Zerstreuung und in Beschäftigungen, die mit meinem ästhetischen Urteile über dramatische Motive nichts Gemeines haben. Ich muß also um Aufschub bitten, bis ich meine Gedanken über Ihre Anfrage sammeln kann. Dem ersten Anblick nach scheint mir die Idee sehr wohl gefunden, und ich sollte denken, daß man dabei akquieszieren könnte. Denn wie Sie auch selbst bemerken, so scheint immer ein unauflösbarer Bruch zwischen dieser Fratze und der tragischen Würde übrig zubleiben, und es kann vielleicht nur die Frage sein, ob sie etwas Würdiges hervorbringe, und das scheint mir diesmal geleistet.

Ist doch selbst der politische Stoff nicht viel besser als der astrologische, und mich dünkt, man müßte den astrologischen, um ihn zu beurteilen, nicht unmittelbar gegen das Tragische halten, sondern das Astrologische wäre als ein Teil des historisch, politisch, barbarischen Temporären mit in der übrigen Masse gegen das Tragische zu stellen und mit ihm zu verbinden.    

Den fünffachen Buchstaben, ob er mir gleich wohl gefällt, weiß ich noch nicht gegen jenes astrologische Zimmer zu bilanzieren; beides scheint etwas für sich zu haben. Und ich muß endigen wie ich anfing daß ich heute weder im Stande bin rein zu empfinden noch recht zu denken.

Nehmen Sie daher nur noch ein Lebewohl und grüßen mir Ihre liebe Frau.

G.
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