> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 08.12.1798 (548)

2015-03-05

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 08.12.1798 (548)

 

AN SCHILLER 

Weimar, 8. Dezember 1798

Wie sehr wünschte ich, gerade über die vorliegende Frage mit Ihnen einen Abend zu konversieren, denn sie ist doch um vieles wichtiger als jene Quästion, in welcher Ordnung die Rüstung erscheinen soll. Ich fasse mich nur kurz zusammen und gehe über alles hinaus, worüber wir einig sind.

Ich halte nach vielfältiger Überlegung das astrologische Motiv für besser als das neue.

Der astrologische Aberglaube ruht auf dem dunkeln Gefühl eines ungeheuren Weltganzen. Die Erfahrung spricht, daß die nächsten Gestirne einen entschiedenen Einfluß auf Witterung, Vegetation usw. haben; man darf nur stufenweise immer aufwärts steigen, und es läßt sich nicht sagen, wo diese Wirkung aufhört. Findet doch der Astronom überall Störungen eines Gestirns durchs andere; ist doch der Philosoph geneigt, ja genötigt, eine Wirkung auf das Entfernteste anzunehmen; so darf der Mensch im Vorgefühl seiner selbst nur immer etwas weiterschreiten und diese Einwirkung aufs Sittliche, auf Glück und Unglück ausdehnen. Diesen und ähnlichen Wahn möchte ich nicht einmal Aberglauben nennen, er liegt unserer Natur so nahe, ist so leidlich und läßlich als irgendein Glaube.       

Nicht allein in gewissen Jahrhunderten, sondern auch in gewissen Epochen des Lebens, ja bei gewissen Naturen, tritt er öfter als man glauben kann, herein. Hat doch der verstorbne König in Preußen blos darum auf den Wallenstein gehofft, weil er erwartete daß dieses Wesen ernsthaft darin behandelt sein würde.

Der moderne Orakel-Aberglaube hat auch manches poetische Gute, nur ist gerade diejenige Spezies, die Sie gewählt haben, dünkt mich, nicht die beste, sie gehört zu den Anagrammen, Chronodistichen, Teufelsversen, die man rückwärts wie vorwärts lesen kann und ist also aus einer geschmacklosen und pedantischen Verwandtschaft, an die man durch ihre incurable Trockenheit erinnert wird. Die Art wie Sie die Szene behandelt haben, hat mich wirklich im Anfang so bestochen daß ich diese Eigenschaften nicht merkte und nur erst durch Reflexion darauf kam. Übrigens mag ich nach meiner Theatererfahrung herumdenken wie ich will, so läßt sich dieses Buchstabenwesen nicht anschaulich machen. Die Lettern müssen entweder verschlungen sein wie die M des Matthias. Die F müßte man in einen Kreis stellen, die man aber, wenn man sie auch noch so groß macht, von weitem nicht erkennen würde.

Das sind meine Bedenklichkeiten, zu denen ich nichts weiter hinzufüge. Ich habe mit Meyern darüber konsultiert, welcher auch meiner Meinung ist. Nehmen Sie nun das beste heraus. Mein sehnlichster Wunsch ist, daß Ihre Arbeit fördern möge.   

Meine zerstückelte Zeit bis Neujahr will ich so gut als möglich zu benutzen suchen. Das zweite Stück der Propyläen ist nun ganz abgegangen. Manuskript zum dritten ist vorrätig, wovon etwa nur noch die Hälfte zu redigieren ist; ich werde mein möglichstes tun, auch damit in drei Wochen fertig zuwerden.

Zu dem vierten Stück habe ich einen besonderen Einfall, den ich Ihnen kommunizieren will, und überhaupt denke ich mich so einzurichten, daß mir das Frühjahr zu einer großem Arbeit frei bleibt. Die Schemata zur Chromatik hoffe ich mit Ihrem Beistand auch bald vorwärts zubringen.

Und so geht ein närrisch mühsames Leben immerfort, wie das Märchen der Tausend und Einen Nacht, wo sich immer eine Fabel in die andere einschachtelt. Leben Sie recht wohl und grüßen Sie die liebe Frau.

G.
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