> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 04.05.1800 (738)

2015-03-16

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 04.05.1800 (738)




AN SCHILLER

Leipzig, 4. Mai 1800

Nach meiner langen Einsamkeit macht mir der Gegensatz viel Vergnügen. Ich gedenke auch noch die nächste Woche hier zu bleiben.

So eine Messe ist wirklich die Welt in einer Nuß, wo man das Gewerb der Menschen, das auf lauter mechanischen Fertigkeiten ruht, recht klar anschaut. Im ganzen ist übrigens so wenig, was man Geist nennen möchte, daß alles vielmehr einem tierischen Kunsttrieb ähnlich sieht.

Von dem, was man eigentlich Kunst nennt, findet sich, man darf dreist sagen, in dem, was der Moment produziert, keine Spur.

Von Gemälden, Kupfern und dergleichen findet sich manches Gute, aber aus vergangenen Zeiten.

Ein Porträt von einem Maler, der sich jetzt in Hamburg aufhält, das bei Bausen steht, ist von einem unglaublichen Effekt; aber auch gleichsam der letzte Schaum, den der scheidende Geist in den Kunststoffen erregt. Eine Wolke für eine Juno.

In dem Theater wünschte ich Sie nur bei einer Repräsentation. Der Naturalism und ein loses, unüberdachtes Betragen, im ganzen wie im einzelnen, kann nicht weitergehen. Von Kunst und Anstand keine Spur. Eine Wiener Dame sagte sehr treffend: die Schauspieler täten auch nicht im geringsten, als wenn Zuschauer gegenwärtig wären. Bei der Rezitationund Deklamation der meisten bemerkt man nicht die geringste Absicht, verstanden zu werden. Des Rückenwendens, nach dem Grunde Sprechens ist kein Ende, so gehts mit der sogenannten Natur fort, bis sie bei bedeutenden Stellen gleich in die übertriebenste Manier fallen.

Dem Publikum hingegen muß ich in seiner Art Gerechtigkeit widerfahren lassen, es ist äußerst aufmerksam, man findet keine Spur von Vorliebe für einen Schauspieler, das aber auch schwer wäre. Man applaudiert öfters den Verfasser, oder vielmehr den Stoff, den er behandelt, und der Schauspieler erhält gewöhnlich nur beim Übertriebenen lauten Beifall. Dies sind, wie Sie sehen, alles Symptome eines zwar unverdorbenen, aber auch ungebildeten Publikums, wie es eine Messe zusammenkehrt .

Nun leben Sie wohl und gedenken mein. Mündlich noch gar manches.

G.

Keine Kommentare: