> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 04.09 .1799 (654)

2015-03-11

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 04.09 .1799 (654)



AN SCHILLER.

Weimar am 4. September 1799.

Da eben eine Theaterdepesche nach Rudolstadt geht, so will ich den Boten nicht ohne ein Paar Worte an Sie abfertigen.

Wegen des Hauses habe ich mit Müllern abgeschlossen; Charlotte will einiges darin lassen, woran sie ganz freundlich handelt.

Kommen Sie glücklich hierher! Der Weg nach Rudolstadt ist den Weimaranern diesmal nicht günstig gewesen.     

Über Ihre Marie wird es mir eine Freude sein mit Ihnen zu verhandeln. Was die Situation betrifft, so gehört sie, wenn ich nicht irre, unter die romantischen. Da wir Modernen nun diesem Genius nicht entgehen können, so werden wir sie wohl passieren lassen, wenn die Wahrscheinlichkeit nur einigermaßen gerettet ist. Gewiß aber haben Sie noch mehr getan. Ich bin äußerst neugierig auf die Behandlung.

Über das Absurde schreit jedermann auf und freut sich etwas so tief unter sich zu sehen. Über das Mittelmäßige erhebt man sich mit Behaglichkeit. Den Schein lobt man, ohne Rückhalt und ohne Bedingung; denn der Schein ist eigentlich in der Empirie das allgemein Geltende. Das Gute, das aber nicht vollkommen ist, übergeht man mit Stillschweigen; denn das ächte, was man am Guten bemerkt, nötigt Achtung ab, das unvollkommene das man daran fühlt, erregt Zweifel und wer den Zweifel nicht selbst heben kann, mag sich in diesem Falle nicht kompromittieren, und tut auch ganz wohl daran. Das Vollkommene, wo es anzutreffen ist, gibt eine gründliche Befriedigung, wie der Schein eine oberflächliche, und so bringen beide eine ähnliche Wirkung hervor.

Wir wollen sehen ob das Publikum sich noch mannigfaltiger beweist. Geben Sie doch auch auf Ihrer gegenwärtigen Exkursion acht, ob Sie das Schema nicht komplettieren können. Es wäre doch hübsch, wenn man es dahin brächte daß man wüßte was die Leute urteilen müssen.

Leben Sie wohl und vergnügt, grüßen Ihre liebe Frau und kommen glücklich zu uns; es verlangt mich so sehr Sie wieder zu sehen, als ich in meiner jetzigen Lage wünschen muß wieder eine Epoche zu erleben, da meine Zustände ein wenig zu stagnieren anfangen.

G.
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