> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.01.1804 (933)

2015-03-28

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.01.1804 (933)




AN SCHILLER 

Weimar, 13. Januar 1804

Das ist denn freilich kein erster Akt, sondern ein ganzes Stück, und zwar ein fürtreffliches, wozu ich von Herzen Glückwünsche und bald mehr zu sehen hoffe. Meinem ersten Anblick nach ist alles so recht, und darauf kommt es denn wohl bei Arbeiten, die auf gewisse Effekte berechnet sind, hauptsächlich an. Zwei Stellen nur habe ich eingebogen. Bei der einen wünschte ich, wo mein Strich lauft, noch einen Vers, weil die Wendung gar zu schnell ist.

Bei der andern bemerke ich so viel: der Schweizer fühlt nicht das Heimweh, weil er an einem andern Orte den Kuhreigen hört, denn der wird, soviel ich weiß, sonst nirgends geblasen; sondern eben weil er ihn nicht hört, weil seinem Ohr ein Jugendbedürfnis mangelt. Doch will ich dies nicht für ganz gewiss geben. Leben Sie recht wohl und fahren Sie fort, uns durch Ihre schöne Tätigkeit wieder ein neues Lebensinteresse zu verschaffen; halten Sie sich auch wacker im Hades der Sozietät, und flechten Sie Schilf und Rohr nur fein zum derben Stricke, damit es doch auch etwas zu kauen gebe.

Gruß und Heil.

G.
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