> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.03 .1799 (575)

2015-03-06

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 01.03 .1799 (575)



AN GOETHE 

Jena, 1. März 1799

Nach acht Wochen Stillstand beginnt also das Kommerzium durch die Botenfrau wieder. Ich glaube in eine viel ältere Zeit zu blicken, als es wirklich ist. Das theatralische Wesen, der mehrere Umgang mit der Welt, unser anhaltendes Beisammensein haben meinen Zustand indessen um vieles verändert, und wenn ich erst der Wallensteinischen Massa werde los sein, so werde ich mich als einen ganz neuen Menschen fühlen.

Körner hat geschrieben, ich lege seinen Brief bei. Das Humboldtsche Werk scheint auch bei ihm kein Glückzu machen; es ist wirklich nötig, daß man einen passenden Auszug daraus vor das Publikum bringe, daß das Gute und Schätzenswerte seiner Ideen in Kurs gesetzt wird. Wie gut ist es übrigens, daß Sie bei den Propyläen nicht auf Humboldt gerechnet haben, da man sieht, wie es ihm bei allem Scharfsinn und Geist nicht möglich ist, den Leser fest zu halten. Es ist doch eine sonderbare Erscheinung, daß er, indem er der Flachheit und dilettantischen Leichtigkeit, welche sonst die autores nobiles charakterisiert, zu entgehen suchte, in diese trockne Manier verfallen mußte.

Ich erhielt heute einen Brief von der Schimmelmann, der mir einen sehr schicklichen Anlaß gibt, die bewußte Sache anhängig zu machen. Auch erfuhr ich darin zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß Wallensteins Lager in Kopenhagen ist, denn es ist da bei Schimmelmanns vorgelesen und sogar an seinem Geburtstag von guten Freunden aufgeführt worden. Ich wüßte keinen andern Weg als von Weimar aus, und fürchte daß Ubique auch hier seine Hand im Spiel habe. Haben Sie doch die Güte es zu untersuchen, und besonders bitte ich, die Piccolomini zu sich ins Haus zu nehmen; denn es wäre doch ein fataler Streich, wenn die Sachen in der Welt herumliefen. Auf Iffland kann ich keinen Verdacht haben. Ubique hat neuerlich in Kopenhagen Mäkelei getrieben, und von seiner Indiskretion ist alles zu erwarten.

Ich kann Ihnen heute nichts mehr sagen, die Post drängt mich und ich muß auch den Ubique abfertigen. Leben Sie recht wohl, Meyern viele Grüße. Meine Frau empfiehlt sich bestens; sie hat gestern der Loderischen Komödie beigewohnt und sich ganz artig amüsiert.

Sch.
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