> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.10.1798 (518)

2015-03-03

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 05.10.1798 (518)




AN SCHILLER

Weimar, 5. Oktober 1798

Der Prolog ist geraten, wie er angelegt war; ich habe eine sehr große Freude daran und danke Ihnen tausendmal. Ich habe ihn nur erst einigemal durchgelesen, um mich von dem Ganzen recht zu penetrieren, und noch kann ich nicht bestimmen, was vielleicht wegzulassen wäre und ob ich nicht wegen des Theatereffekts noch hie und da einen kleinen Pinselstrich aufhöhen würde.

Es tut mir nur leid, daß ich ihnnicht selbst sprechen kann, doch wenn sich Voß hält wie unsre andern beim Vorspiel, so können wir zufrieden sein. Leißring, Weyrauch und Haide deklamieren die gereimten Verse, als wenn sie ihr Lebtag nichts anders getan hätten, besonders hat Haide gegen den Schluß einige Perioden deklamiert, wie ich’s auf dem deutschen Theater noch gar nicht gehört habe.

Nach dieser guten Nachricht muß ich aber leider anzeigen, daß es mir unmöglich war, auch nur eine Zeile zu unserm Zwecke beizutragen, deswegen schicke ich einen Band des Pater Abraham, der Sie gewiß gleich zu der Kapuzinerpredigt begeistern wird. So wäre z. E. das Rabenaas, als Schlußformel, in Genasts Munde vielleicht höchst erbaulich. Es ist übrigens ein so reicher Schatz, der die höchste Stimmung mit sich führt.

Das Anfangslied bring ich auch nicht zustande, habe aber etwas Schickliches dafür zu substituieren. Das kann alles bei den folgenden Repräsentationen nachgebracht werden, wie überhaupt das Stück fordert, daß immer etwas Neues und Veränderliches darin vorkommt, damit bei folgenden Repräsentationen sich niemand orientieren könne. Leben Sie indessen recht wohl, Sie erfahren nun bald den Tag, an dem ich Ihre Ankunft wünsche. Bis jetzt geht es noch sehr bunt zu. Grüßen Sie Ihre liebe Frau.

G.
                                                        


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