> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.03.1801 (798)

2015-03-19

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 13.03.1801 (798)



AN GOETHE

Jena, 13. März 1801.

Die Schilderung die Sie von Hartmann machen läßt mich recht bedauern, daß man ihn in die wilde Welt muß hingehen sehen, ohne sich einer so guten Requisition für das rechte ganz versichern zu können; denn wie nahe man einander auch in einem ernstlichen Umgang von einigen Tagen oder Wochen kommen kann, so kann einen doch nur eine stetige Fort- und Wechsel-Wirkung im Einverständnis erhalten.

Schade ist’s, was die Kunstkritik in den Propyläen betrifft, daß man die Stimme so selten erheben kann, und einen Eindruck den man gemacht, nicht so schnell wieder durch einen neuen zu sekundieren Zeit hat. Es würde sonst gewiss gelingen, die Künstler und Kunstgenossen aus ihrer faulen Ruhe zu reißen; schon der Unwille über unsre Urteile verbürgt mir dies . Daher wollen wir es ja im nächsten Falle recht viel weiter treiben, und Meyer muß uns in den Stand setzen, den Schaden specialiter zu treffen und die falschen Maximen recht im einzelnen anzugreifen.

Von dem Stück, das Sie mir zugesendet, ist nichts gutes zu sagen; es ist abermals ein Beleg, wie sich die hohlsten Köpfe können einfallen lassen etwas scheinbares zu produzieren, wenn die Literatur auf einer gewissen Höhe ist und eine Phraseologie sich daraus ziehen läßt. Dieses Werk in specio ist doppelt miserabel, weil es gegen den Gerstenbergischen Ugolino ein ungeheurer Rückschritt ist; denn diese Tragödie, welche Sie vielleicht nicht kennen hat sehr schöne Motive, viel wahres Pathos und wirklich genialisches, obgleich sie kein Werk des guten Geschmacks ist. Man könnte versucht sein, sich derselben zu bedienen, um die Idee der Tragödie daran aufzuklären, weil wirklich die höchsten Fragen darin zur Sprache kommen.

Ich habe diesen Mittag mit Zigesar und andern bei Lodern essen müssen und bin diesen Abend zu einem Kränzchen eingeladen. Die Abende gehen meistenteils in Gesellschaft hin, und ich kann eher über zu viel Zerstreuung als über zu wenige Unterhaltung klagen.

Doch geht es mit meiner Arbeit besser, ich habe auch wieder mehr Mut und sehe etwas entstehen.

Leben Sie recht wohl. Viele Grüße an Meyern.

Sch.

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