> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 17.08 .1799 (643)

2015-03-10

Briefwechsel Goethe-Schiller: An Schiller 17.08 .1799 (643)



AN SCHILLER.

Weimar am 17. August 1799.

Wenn ich Ihnen künftig etwas ausführlichere Briefe schreiben will, so muß ich im voraus schreiben, denn wenn ich wie heute abermals früh in die Stadt muß, so kann ich nicht wieder leicht zur Besinnung kommen.

Ich muß Sie ersuchen den Almanach ja etwas mehr von sich auszustatten; ich will das meinige tun, welches ich so gewiß verspreche als man dergleichen versprechen kann. Auch von Steigentesch, Matthisson bringen Sie ja das mögliche bei, damit der Almanach sich der alten Form nähere. Das Gedicht, je mehr man es betrachtet, läßt fürchten daß es nicht in die Breite wirken werde, so angenehm es für Personen ist die einen gewissen Grad von Kultur haben. Die barbarische Sitte als Gegenstand, die zarten Gesinnungen als Stoff und das undulistische Wesen als Behandlung betrachtet, geben dem ganzen einen eignen Charakter und besondern Reiz, zu dem man gemacht sein oder sich erst machen muß. Das allerschlimmste ist: daß ich wegen der Kupfer fürchte. Der Mann ist ein bloßer Punktirer und aus einem Aggregat von Punkten entsteht keine Form. Nächstens sollen Sie hören wie viel das Ganze betragen wird; die zwei ersten Gesänge machen drei Bogen.

Wegen des Schlegelischen Streifzugs bin ich ganz Ihrer Meinung. Die Elegie hätte er in mehrere trennen sollen, um die Teilnahme und die Übersicht zu erleichtern.

Die übrigen Späße werden Leser genug herbeilocken und an Effekt wird es auch nicht fehlen. Leider mangelt es beiden Brüdern an einem gewissen innern Halt der sie zusammenhalte und festhalte. Ein Jugendfehler ist nicht liebenswürdig als insofern er hoffen läßt daß er nicht Fehler des Alters sein werde. Es ist wirklich schade daß das Freund Böttigern zugedachte Blatt nicht heiterer ist. Einige Einfälle in den andern Rubriken sind wirklich sehr gut. Übrigens läßt sich auch im persönlichen Verhältnis keineswegs hoffen daß man gelegentlich ungerupft von ihnen wegkommen werde. Doch will ich es ihnen lieber verzeihen, wenn sie etwas versetzen sollten als die infame Manier der Meister in der Journalistik. Böttiger hat die Canaillerie begangen der Propyläen zweimal auf dem blauen Umschlag des Merkurs zu gedenken, dafür es ihm denn wohl bekommen mag daß ihm die Gebrüder die Haut über die Ohren ziehen, und es scheint als wenn sie Lust hätten, von vorn anzufangen wenn sie ihm wieder wachsen sollte.

Die Impietät gegen Wieland hätten sie unterlassen sollen. Doch was will man darüber sagen, hat man sie unter seiner Firma doch auch schlecht traktiert.

Leben Sie wohl, ich bin zerstreut und ohne Stimmung. Grüßen Sie Ihre liebe Frau. Ich wünsche uns auf irgend eine Weise bald ein längeres Zusammensein und Ihnen zur Arbeit allen Segen, um mich mit Madame la Roche auszudrücken.

G.
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