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2015-03-20

C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 2

Goethe und Totenmaske des Dichters


Goethe hatte sich nach seiner Wiederherstellung von einem heftigen Lungenblutsturze, der ihn im December 1830 befiel, bis in die Mitte des März 1832 einer vorzüglich guten Gesundheit  erfreut, und namentlich auch den letzten Spätherbst und Winter, eine ihm sonst immer feindliche und verhasste Jahreszeit, ganz ungewöhnlich heiter und ohne irgend bedeutende körperliche Anfechtung durchlebt. Stellten sich auch, wie einer unbefangenen Beobachtung nicht wohl entgehen mochte, Schwächen des Alters, besonders Steifheit der Gliedmaßen, Mangel an Gedächtnis für die nächste Vergangenheit, zeitweise Unfähigkeit, das Gegeben ein jedem Augenblicke mit Klarheit schnell zu übersehen und Schwerhörigkeit bei ihm immer merklicher ein, so genoss er doch — und zumal im Vergleich mit andern Greisen seines Alters — noch einer solchen Fülle von Geistes-und Körperkraft, das man sich der frohen Hoffnung, er werde uns noch lange durch seine Gegenwart erfreuen, mit Zuversicht hingeben durfte. 

Da wurde ich am 16ten März zu ungewöhnlich früher Stunde, schon um 8 Uhr Morgens, zu Goethe beschieden. — In der Regel sah ich ihn in ärztlicher und amtlicher Beziehung jeden Vormittag erst um 9 Uhr, und hatte am vorigen Tage, nach langer Unterhaltung, ihn sehr heiter und wohl um diese Zeit verlassen. — Ich fand ihn im Bette schlummernd. Bald erwachte er , konnte sich indessen nicht sogleich völlig ermuntern, und klagte, er habe sich bereits gestern, während der Rückkehr von einer, in sehr windigem, kaltem Wetter, zwischen 1 und 2 Uhr Nachmittags unternommenen Spatzierfahrt unbehaglich gefühlt, darauf nur wenig und ohne rechten Appetit essen mögen, das Bette zeitig gesucht und in demselben eine zum größten Theile schlaflose Nacht, unter öfters wiederkehrendem, trocknem, kurzem Husten, mit Frösteln abwechselnder Hitze, und unter Schmerzen in den äußern Theilen der Brust unangenehm genug verbracht. Am wahrscheinlichsten sei eine Erkältung, die er sich vor dem Ausfahren bei dem Herübergehen aus seinem sehr stark geheizten Arbeitszimmer über den kalten Flur in die nach der Straße zu gelegenen Gesellschaftszimmer, leicht zugezogen haben könne, Ursache der gegenwärtigen Leiden.

Er schien einigermaßen verstört, vor allem aber frappirte mich der matte Blick und die Trägheit der sonst immer hellen und mit eigenthümlicher Lebhaftigkeit beweglichen Augen, so wie die ziemlich starke, ins Livide fallende Rothe der Bindehaut der untern Augenlider, vornehmlich des rechten. Der Athem war fast ruhig, nur durch trocknen Husten und tiefe Seufzer, — letztere eine gewöhnliche Erscheinung in allen Krankheiten Goethes — Öfters unterbrochen, die Stimme etwas heiser. Willkürliches kräftiges Ein- und Ausathmen ging zwar mühsam von Statten, vermehrte aber den bereits erwähnten Schmerz auf der Brust in keiner Weise. Die an der Wurzel schwach und gelblich belegte Zunge glich hinsichtlich ihrer Farbe der Bindehaut der untern Augenlider. Dabei beschwerte sich der Kranke über Ekel vor Speisen, über Durst und Aufstoßen von Luft aus dem Magen. Der ganze Unterleib, vorzüglich die epigastrische Gegend, war aufgetrieben und gegen äußern Druck empfindlich, der Stuhlgang mangelte seit zwei Tagen. Die Haut war trocken, mäßig warm, der Urin lehmig, der Puls weich, mäßig voll, wenig frequent. Ferner: Wüstheit des Kopfes, Unaufgelegtheit zum Denken, auffallend vermehrte Schwerhörigkeit, Unruhe bei Zerschlagenheit der Glieder, und das ganz eigne resignirte Wesen, welches bei Goethe, während der letzten Jahre seines Lebens in allen Krankheiten an die Stelle eines in ähnlichen Fallen früher gewöhnlichen aufbrausenden Unmuthes getreten war und sich häufig in den Worten aussprach: „Wenn man kein Recht mehr hat, zu leben, so muß man sich gefallen lassen, wie man lebt.”

Bei dem sehr hohen Alter des Kranken, und weil damals in Weimar dergleichen catarrhalisch-rheumatische Zufälle nicht selten in, zum Theil tödtliche Nervenfieber übergingen, fand ich'mich bewogen, vorlängst erhaltenen höchsten Befehlen gemäß, unserer, den lebhaftesten Antheil an dem Wohlergehen des Allverehrten jederzeit betätigenden Frau Grofsherzogin ungesäumt schriftlich zu melden, Goethe leide seit gestern an einem  Catarrhalfieber, und wenn ich schon im Augenblicke besonders gefährliche Krankheitszufälle nicht wahrnähme, so wolle mir doch das Ganze allerdings bedenklich Vorkommen. Uebrigens hatte ich dem Patienten schon zuvor eine Auflösung von Salmiak und einigen Quentchen Bittersalz, als Arznei, und Graupenschleim, mit Wasser zubereitet, zum Getränk, neben einem, den Umständen angemessenen Verhalten verordnet.
                                                                              


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