> Gedichte und Zitate für alle: C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 3

2015-03-22

C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 3




Bereits am Abend zeigte das Uebel eine bessere Gestalt. Der Kranke fand sich nach mehreren, reichlichen, breiartigen Stuhlgängen sehr erleichtert. Sein Kopf war freier, das Gemüth heiterer, der Blick lebhafter, der Unterleib weicher, weniger empfindlich und weniger aufgetrieben. Die Haut schien feucht werden zu wollen, der Husten hatte sich seltener eingestellt. Der Appetit fehlte noch; das Fieber blieb vom Anfang an sehr mäßig. Es wurden Pulver von Goldschwefel und Zucker verschrieben. Nach 6 Uhr nahm Goethe, wie Dienstags und Freitags gewöhnlich, den Besuch des Hofraths Riemer an , und ließ sich durch denselben einige Zeit von Sprachstudien unterhalten. 

Sonnabend früh: Der Kranke hatte ziemlich geschlafen; der Kopf war noch freier, das Gemüth theilnehmender, das Gehör feiner, der Blick heller und beweglicher, der Husten mäßiger, lockerer, das Seufzen seltener, als am gestrigen Tage. Die Stimme hatte ihre Heiserkeit, die Röte an den Augenlidern ihr Schmutziges verloren. Die Haut überall dunstend, turgide und warm; die Zunge rot, weniger belegt. Keine Schmerzen mehr auf der Brust. Gegen Morgen eine freiwillige, reichliche, breiartige Ausleerung durch den Stuhl. Der Urin noch trübe, lehmig; der Puls weich, etwa 90 Mal in einer Minute schlagend. Kein Appetit. Die Pulver hatten nach dem eignen Gefühle des Kranken so wohlthätig gewirkt, daß er um weitere Anwendung derselben bat. Da sein Wunsch meiner Absicht begegnete, wurde alle 3 Stunden ein Drittel Gran Goldschwefel auch noch fernerhin gegeben und zugleich gestattet, den Graupenschleim von nun an mit schwacher Fleischbrühe zu bereiten.

Mittags immer noch nur wenig Appetit; indessen hatte der Patient etwas Griessuppe genossen. Nachher einige Stunden hindurch ruhiger und erquickender Schlaf. Abgang vieler Blähungen. Husten sehr selten und kaum beschwerlich. Beim Abendbesuch unbedeutendes Fieber, Neigung, zu leichter Conversation, welche der Kranke schon wieder auf die in gesunden Tagen gewohnte Art mit Scherzen würzte. 

In der Nacht zum Sonntag siebenstündiger ruhiger Schlaf, heilsame Transpiration. Morgens einiger Husten mit leichtem Auswurf. Der Urin hell, gelb, mit starkem schleimigem Bodensätze; Zunge und Geschmack rein, kein Fieber. Der zum Frühstück wieder erlaubte Kaffee und ein leicht verdauliches Gebäck schmeckten sehr gut und bekamen wohl. Freiwillige Leibesöffnung.

Der Kranke blieb etliche Stunden außerhalb des Bettes. Er fühlte sich nur noch ein wenig matt. Die Heiterkeit seines Geistes war ungetrübt. Medicin wurde nicht verordnet wohl aber, auf Verlangen, der mäßige Genuß des gewöhnlichen Würzburger Tischweins, und für den Mittagstisch etwas Fisch und Braten verwilligt. Als ich ihn Abends besuchte, lobte Goethe sein Befinden und war sehr gesprächig, besonders aber pries er in einem langen launigen Sermon den Goldschwefel, nach dessen Herkommen, Bereitungsart und ärztlichem Gebrauche er sich umständlich erkundigte.

Die Nacht zum Montag wiederum ruhig; während des Schlafes immer noch ziemlich starke Transpiration. Am Morgen traf ich den Kranken neben dem Bette sitzend, sehr aufgeräumt und nur noch körperlich etwas schwach. Er hatte in einem französischen Heft gelesen ; fragte gewohntermaßen nach mancherlei Vorfällen und zeigte großes Begehren nach dem zum Frühstück seit einigen Jahren herkömmlichen Glase Madeira. Ich fand keinen Grund, seiner Neigung entgegen zu seyn, und er trank und ass mit vielem Behagen , blieb auch fast den ganzen Tag über auf. Gegen Abend traf ich ihn bei der Musterung von Kupferstichen, sprach mit ihm durch, was sich während seiner Krankheit in dem ihm untergebenen Departement ereignet hatte , zeigte ihm die Berliner Choleramedaille, über welche er sich in sehr witzigen Bemerkungen auslies, spaßhafte Entwürfe zur Darstellung desselben Gegenstandes vorbrachte und sich vorzüglich darüber sehr vergnügt äußerte, daß er am folgenden Morgen im Stande seyn würde, sein gewohntes Tagewerk wieder vorzunehmen:

„doch zwischen heut und morgen
liegt eine lange Frist!” —
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