> Gedichte und Zitate für alle: C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 4

2015-03-24

C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 4





Seit dem Ableben seines einzigen Sohnes *) und seit dem Lungenblutsturze, welcher ihn einige Wochen später den Pforten des Grabes so nahe brachte, hatte Goethe seines Endes, als nun nicht mehr weit entfernt, gegen mich öfters mit Ruhe Erwähnung getan, und besonders mehrmals Veranlassung genommen, mir, „der ich doch länger, als er, dabei wirksam seyn würde,” die von ihm gepflegten Anstalten, und vorzüglich auch einzelne bei denselben Angestellte zu empfehlen. Im Laufe der heutigen Unterhaltung kam er auf diese Angelegenheiten zurück, und theilte mir nochmals seine darauf bezüglichen Absichten, Pläne und Hoffnungen im Zusammenhange und ausführlich mit. Wer ihn da, so wie bei frühem ähnlichen Gelegenheiten gehört hätte, wenn die, vielfältiges Zeugnis enthaltenden Acten offen stünden, wer endlich, wie ich, so mancher Wohlthaten, die Goethe aus eignem Antriebe und Vermögen Hülfsbedürftigen besonders Kranken, im Stillen angedeihen ließ, Vermittler gewesen wäre, der würde nicht zweifeln, das der so häufige als lieblose Vorwurf:  


der Verblichene habe sich um das Wohl und Wehe Anderer, namentlich auch seiner Dienstuntergebenen, höchstens aus grobem Egoismus bekümmert, nur von vorlauter, boshafter Verleumdung, oder von der habgierigsten Unverschämtheit ersonnen worden seyn könne. Allerdings war ihm gewöhnliche Bettelei und ungehörig erzwungene Wohltätigkeit in hohem Grade zuwider, und gern vermied er , —überall ein in Folge unangenehmer Erfahrungen vielleicht zu unbedingter Liebhaber des Geheimnisses, — bei Austheilung seiner Wohlthaten jede Ostentation.


Froh, das ein Leiden überstanden, ahnten wir beide in dem Moment nicht, daß Goethe so eben seinen wirklich letzten amtlichen Willen kund gegeben habe. Doch hat er nach diesen Eröffnungen nur noch eine einzige halb willenlose Amtshandlung verrichtet, indem er am 20. März, zwei Tage vor seinem Hinscheiden, die Anweisung zur Auszahlung einer Unterstützung an eine, ihrer künstlerischen Ausbildung in der Fremde obliegende, talentreiche, junge Weimaranerin, für welche er stets väterlich bedacht war, mit zitternder Hand, ohne mein Vorwissen Unterzeichnete. Hierbei schrieb er seinen Namen zum letzten Male. Das Blatt wird unter mehreren andern, dem Andenken Goethe's geweiheten Sachen auf der Grofsherzogl. Bibliothek zu Weimar sorgfältig aufbewahrt.


*Goethe liebte seinen Sohn wirklich und schenkte ihm fast unbegrenztes Vertrauen; dieser widmete seinem Vater die innigste Verehrung. Ich besitze davon viele unzweideutige Beweise, was auch böser Wille über das zwischen beiden bestandene Verhältniß ausgestreut haben mag. Der Lungenblutsturz,von welchem oben die Rede ist, war lediglich Folge der ungeheuern Anstrengung, womit Goethe den bohrenden Schmerz über den vorzeitigen Verlust des einzigen Sohnes zu gewaltigen strebte. So sollte sich an ihm selbst bestätigen, was er, besorgt wegen des Eindrucks, den die Nachricht von dem plötzlichen Abscheiden seines fürstlichen Freundes, des Großherzogs, Karl August, auf die hohe Witwe machen möchte, im Juni 1828 nach Wilhelmsthal schrieb, wo ich mich damals mit dem Hofe aufhielt;„Sie thun sehr wohl, länger in Eisenach zu verweilen; denn in solchen Fällen sind die Nachwirkungen immer zu fürchten. Der Charakter widersetzt sich dem treffenden Schlage, aber consolidirt dadurch gleichsam das Uebel, das sich späterhin auf andere Weise Luft zumachen sucht,” —


Ich gedenke noch bei dieser Gelegenheit, wie Göthe nach dem Tode seines Sohnes eines Tages mit hervorbrechendem Unmuthe und deutlicher Beziehung äußerte: „daß die Eltern vor den Kindern sterben, ist in der Ordnung, unnatürlich aber ist, wenn der Sohn vor dem Vater abgefordert wird.”



                                                               

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