> Gedichte und Zitate für alle: C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 5

2015-03-26

C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 5




Die ersten Stunden der folgenden Nacht, vom 19ten auf den 20sten März, schlief der Kranke sanft, bei vermehrter Hautausdünstung. Gegen Mitternacht wachte er auf, empfand zuerst an den Händen, welche bloß gelegen hatten, und von ihnen aus später dann auch am übrigen Körper, von Minute zu Minute höher steigende Kälte. Zum Frost gesellte sich bald herumziehender, reißender Schmerz, der, in den Gliedmaßen seinen Anfang nehmend, binnen kurzer Zeit die äußern Theile der Brust gleichfalls ergriff, und Beklemmung des Athems, so wie große Angst und Unruhe herbeiführte. Daneben häufiger, schmerzhafter Drang zum Urin lassen. Der sparsam ausgeleerte Harn wasserhell. Die Zufälle wurden immer heftiger; dennoch erlaubte der sonst bei den geringsten Krankheitsbeschwerden nach ärztlicher Hülfe stets so dringend verlangende Kranke dem besorgten Bedienten nicht, mich zu benachrichtigen, „weil ja nur Leiden, aber keine Gefahr vorhanden sey.” Erst den andern Morgen um halb neun Uhr wurde ich herbeigeholt. Ein jammervoller Anblick erwartete mich! Fürchterlichste Angst und Unruhe trieben den seit lange nur in gemessenster Haltung sich zu bewegen gewohnten, hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen vergeblich suchte, bald auf den neben dem Bette stehenden Lehnstuhl. Die Zähne klapperten ihm vor Frost. Der Schmerz , welcher sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, presste dein Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre livide Höhlen gesunken, matt, trübe; der Blick drückte die grässlichste Todesangst aus. Der ganze eiskalte Körper triefte von Schweifs, den ungemein häufigen, schnellen und härtlichen Puls konnte in man kaum fühlen, der Unterleib war sehr aufgetrieben; der Durst quaalvoll. Mühsam einzeln ausgestoßene Worte gaben die Besorgnis zu erkennen, es möchte wieder ein Lungenblutsturz auf dem Wege seyn.

Hier galt es schnelles und kräftiges Einschreiten. Nach anderthalbstündiger Anstrengung gelang es, vermöge reichlicher Gaben Baldrianäther und Liquor Aimmonii anisatus, abwechselnd genommen mit heißem Thee aus Pfeffermünzkraut und Kamillenblüthen, durch Anwendung starker Meerrettigzüge auf die Brust und durch äußere Wärme die am meisten gefahrdrohenden Symptome zu beseitigen, alle Zufälle erträglich zu machen. Den im linken großen Brustmuskel übrigbleibenden fixen Schmerz hob noch an dem nämlichen Tage ein auf die schmerzhafte Stelle gelegtes Spanisch- Fliegen - Pflaster.

Der fortdauernd brennende Durst wurde mit einem lauen Getränke, aus schwachem Zimmtaufguß mit Zucker und Wein, zum Behagen des Leidenden befriedigt. Der Appetit kehrte nur noch einmal, wenig Stunden vor dem Tode, auf einen Augenblick fruchtlos zurück. Den bequemen Lehnstuhl, in welchem sich die große Angst und Unruhe zuerst gelegt hatte, vertauschte der Kranke nicht wieder mit dem Bette.

Gegen Abend war kein besonders lästiger Zufall mehr vorhanden. Goethe sprach Einiges  mit Ruhe und Besonnenheit, und es machte ihm sichtbare Freude, als ich ihm erzählte, das im Laufe des Tages ein höchstes Rescript eingegangen sey, welches eine Remuneration, für deren Ertheilung er sich angelegentlich verwendet   
hatte , gebetenermaßen verwillige.

Ich ließ einen ziemlich kräftigen Baldrianaufguß mit Liquor Ammonii anisatus, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll, als Arznei nehmen. Dabei schlummerte Goethe während der Nacht zuweilen. Gegen Morgen verbreitete sich mäßiger Schweiß über den ganzen Körper, das Athmen geschah ohne Hindernis , die Stimmung war heiter. Mehrere, durch ein Lavement bewirkte, reichliche Stuhlgänge schafften noch mehr Erleichterung. Der Puls, genau gezählt, 92 Mal innerhalb einer Minute schlagend, zeigte sich ziemlich voll, gleichmäßig, weich. Der Urin ging selten, trübe, bräünlich und ohne Schmerzen ab. Die Zunge war feucht, hier und da mit zähem, kaffeebraunen Schleime belegt, der Speichel sehr zähe und klebrig. Die Farbe der unbedeckten Körpertheile bot nichts Auffallendes dar.

Die Besserung nahm bis eilf Uhr Vormittags deutlich zu. Von da verschlimmerte sich das Befinden. Um zwei Uhr Nachmittags erschien der Kranke hinfällig, mit triefendem Schweiße bedeckt, mit sehr kleinem, häufigem, weichem Pulse und kühlen Fingerspitzen. Die äußern Sinne versagten zuweilen ihren Dienst, es stellten sich Momente von Unbesinnlichkeit ein. Dann und wann ließ sich ein leises Rasseln in der Brust vernehmen. Nach etlichen Gaben eines Decocto-Infusums von Arnica und Baldrian mit Kampher hob sich der Puls und wurde ein wenig härter. In die Finger kehrte Wärme zurück. Die Füße, durch Wärmflaschen geschützt, waren noch nicht wieder kalt geworden. Der Schweiß minderte sich. 

Bald aber gewannen alle Erscheinungen von neuem ein sehr bedenkliches Ansehen. Das Rasseln in der Brust verwandelte sich in lauteres Röcheln. Abends neun Uhr war der ganze Körper kalt, der Schweiß durch vielfache, meistens wollene Bekleidung und Bedeckung gedrungen. Die lichten Zwischenräume von Besinnung kamen weniger häufig und dauerten immer kürzere Zeit. Die Kälte wuchs, der Puls verlor sich fast ganz, das Antlitz wurde aschgrau. Sehr zäher, klebriger Schleim im Munde, gereichte zu großer Unbequemlichkeit. Die Züge blieben ruhig. In seinem Lehnstuhl sitzend, das Haupt nach der linken Seite geneigt, antwortete Goethe noch zuweilen und immer deutlich auf die, an ihn gerichteten Fragen, deren ich indessen, um jede, bloß die Sanftheit des unvermeidlichen Scheidens störende Aufregung zu verhüten, nur wenige zuließ.

Er schien von den Beschwerden der Krankheit kaum noch etwas zu empfinden, sonst würde er bei der ihm eigenthümlichen Unfähigkeit, körperliche Uebel mit Geduld zu ertragen, mindestens durch unwillkührliche Äußerungen, seine Leiden zu erkennen gegeben haben. Äußere Eindrücke wirkten auf das, mit den Sinnen des Gesichts und des Gehörs gewissermaßen isolirt fortlebende, Gehirn noch lange und zum Theil lebhaft und angemessen, so wie die eigentliche Geistesthätigkeit vielleicht erst mit dem Leben selbst erlosch. Die Phantasie spielte beinahe und mit angenehmen Bildern.

Schwerlich hatte Goethe in diesen Momenten ein Vorgefühl seiner nahen Auflösung. Wenigstens entsprachen die Zeichen, welche man auf das Vorhandensein eines solchen Vorgefühls beziehen möchte, denjenigen nicht, deren er sich wohl früher bediente, um anzudeuten, wie er hinsichtlich der mutmaßlichen Dauer des ihm noch beschiedenen Lebensrestes einer Täuschung sich nicht überlasse. Vielmehr gab er in seinen letzten Stunden mehrmals deutliche Beweise von Hoffnung auf Genesung und zwar unter Umständen , — namentlich bei fast völlig abwesender Besinnlichkeit, — welche die Vermuthung, er habe nur die Seinigen zu beruhigen, beabsichtigt, als ganz unwahrscheinlich darstellen müssen.

Die Sprache wurde immer mühsamer und undeutlicher. „Mehr Licht” sollen, während ich das Sterbezimmer auf einen Moment verlassen hatte, die letzten Worte des Mannes gewesen seyn, dem Finsternis in jeder Beziehung stets verhasst war. Als später die Zunge den Gedanken ihren Dienst versagte, malte er, wie auch wohl früher, wenn irgend ein Gegenstand seinen Geist lebhaft beschäftigte, mit dem Zeigefinger der rechten Hand öfters Zeichen in die Luft, erst höher, mit den abnehmenden Kräften immer tiefer, endlich auf die über seinen Schoß gebreitete Decke. Mit Bestimmtheit unterschied ich einigemal den Buchstaben W. und Interpunctionszeichen. Um halb zwölf Uhr Mittags drückte sich der Sterbende bequem in die linke Ecke des Lehnstuhls, und es währte lange, ehe den Umstehenden einleuchten wollte, das  Goethe ihnen entrissen sey. 

So machte ein ungemein sanfter Tod das Glücksmaß eines reich begabten Daseyns voll.
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