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2015-03-29

C.Vogel: Die letzte Krankheit Goethes Seite 6




Goethe* war groß und von starkem, regelmäßigem Knochenbau; nur die untern Gliedmaßen hätten, um eines schönen Verhältnisses zum Rumpfe willen, ein Geringes länger seyn dürfen. Wahrscheinlich trug dieser Mangel dazu bei, das Goethen , wie er in ,,Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben” erzählt, das Schließen zu Pferde weniger gelingen wollte, als seinen Mitscholaren auf der Reitbahn. Noch in den letzten Jahren hielt er sich mit etwas vorragendem Unterleibe und rückwärts gezogenen Schultern sehr gerade, ja etwas steif, und schob dies auf die von ihm, Behufs besserer Ausdehnung der Brust, frühzeitig angenommene und auch Andern zu gleichem Zwecke häufig empfohlene Gewohnheit, die Hände möglichst viel hinter dem Rücken vereinigt zu tragen. Seine Brust war breit und hoch gewölbt, der Athem meistens ruhig und kräftig, dann und wann mit Seufzern untermischt; der Puls weich, mäßig voll, im Verhältnis zum Alter immer frequent, etwa wie bei einem Manne von vierzig Jahren. Nur bei den mehr erwähnten Lungenblutsturze zeigte sein Puls eine wahre Holzhärte und schlug kaum 50 Mal in der Minute, bis etwa auch zwei Pfund Blut durch Aderlässe entzogen worden waren, nachdem schon zuvor das bis zum Ersticken stromweise aus den geborstenen bedeutenden Blutgefäßen durch den Mund fließende Blut ein tiefes und weites Waschbecken halb angefüllt hatte. Die Venen bildeten an den Unterschenkeln nicht sehr bedeutende Varicositäten und schimmerten überall durch die an allen, in der Regel bekleideten Theilen des Körpers bis an den Tod ungemein feine, weiche, weiße, zu vermehrter Transpiration, sowie auch zu Hautkrisen noch in hohen Jahren sehr geneigte Haut deutlich durch. Das greise Haupt war mit seideweichem grauem, täglich sorgfältig gekräuseltem Haar dicht besetzt. Der Hals fiel durch bedeutende Torosität auf. Den ganzen Körper, mit Ausnahme des Kopfes bekleidete reichliches Fleisch. Gesicht, Geruch, Geschmack und Gefühl blieben bis zum Tode sehr fein und scharf; das Gehör sagte dagegen immer mehr ab, und besonders bei trübem, nasskaltem Wetter mußste man oft sehr laut sprechen, wenn man von Goethe gehörig verstanden seyn wollte. Die Geistesverrichtungen, mit Ausnahme des Erinnerungsvermögens, zeigten sich noch kräftig. Die früher so große Beweglichkeit der Gedanken nahm, wie die Leichtigkeit der Muskelactionen, von Jahr zu Jahr sehr merklich ab. Es wurde Goethen, der, von seiner frühen Jugend abgesehen, vielleicht jederzeit zur Bedächtigkeit und Umständlichkeit neigte, im höhernAlter ungemein schwer, Entschlüsse zu fassen. Er selbst war der Meinung, diese Eigenthümlichkeit, welche er geradezu als Schwäche ansprach, rühre daher, das er niemals in seinem Leben rasch zu handeln genöthigt gewesen sey, und er pries den Stand eines praktischen Arztes gelegentlich auch deshalb, weil dem Arzte nie erlaubt sey, seine Resolutionen zu vertagen. Auf der andern Seite übertraf ihn aber wohl nicht leicht jemand an Beharrlichkeit und selbst Kühnheit im Ausführen des einmal Beschlossenen, wobei er, als Geschäftsmann, die päpstliche Commissorialformel: non obstaniibus quibuscunque, gern im Munde führte, und vorkommenden Falles darnach zu verfahren liebte. Waren schnelle Entschließungen nicht zu umgehen, häuften sich gar die Veranlassungen dazu in kurzer Zeit zusammen, so machte ihn das leicht grämlich. Dies war besonders der Fall , als er nach dem Ableben seines einzigen Sohnes die längst entwöhnte Verwaltung seiner weitläufigen Privatangelegenheiten von neuem übernehmen musste. Arbeiten gingen ihm nicht mehr recht geläufig von der Hand. Er klagte in spätern Jahren nicht selten, das er sich selbst zu solchen Geschäften, die ihm ehemals ein Spiel gewesen, jetzt häufig zwingen müsse. Nur der Sommer 1831 machte hierin eine Ausnahme, und Goethe versicherte damals oft, er  habe sich zur Geistesthätigkeit, zumal in produktiver Hinsicht, seit dreißig Jahren nicht so aufgelegt gefunden. Rühmte Goethe seine Productivität, so machte mich das stets besorgt, weil die vermehrte Productivität seines Geistes gewöhnlich mit einer krankhaften Affection seiner productiven Organe endigte. Dies war sosehr in der Ordnung, das mich schon im Anfange meiner Bekanntschaft mit Goethe dessen Sohn darauf aufmerksam machte, wie, so weit seine Erinnerung reiche, sein Vater nach längerem geistigen Produciren noch jedesmal eine bedeutende Krankheit davon getragen habe.

Goethe's Phantasie blieb bis zum letzten Moment empfänglich und wirksam. Das Schöne und Heitere machte sein, das ganze Leben hindurch mit unablässigem Streben entwickeltes, eigenstes Element aus; ihn verstimmte alles Hässliche und Düstere. „Es verdirbt mir die Phantasie auf lange Zeit” pflegte er bei Ablehnung solcher Gegenstände entschuldigend zu äußern. Seinem Schönheitssinn Widerstrebendes vermochte er nur dann aufmerksam ins Auge zu fassen, wenn er davon für den in ihm noch regeren Trieb zur Bereicherung seines Wissens Befriedigung erwartete. Durch sein Naturell gezwungen, sich in die ihm bekannt werdenden Zustände, Anderer lebhaft und oft zu großem, eignem Nachtheil zu versetzen, strebte er vorsichtig und fortwährend, unerfreuliche Nachrichten von sich abzuhalten.

Der zwei und achtzigjährige Greis erfreute sich bis an seinen Tod eines nur selten gestörten nächtlichen Schlafes. Gewöhnlich schlummerte er den Tag über einigemal auf kurze Zeit und dann Abends von neun Uhr an , ohne leicht vor fünf Uhr Morgens wieder munter zu werden. Brütete sein Geist über sehr interessanten Aufgaben, so erwachte Goethe in der Nacht wohl auf eine oder zwei Stunden und führte während der Zeit die Reihe seiner Ideen weiter fort. Bei solcher Veranlassung nächtlichen Wachens beklagte er sich nicht; wurde aber seine Nachtruhe ohne ähnlichen Vortheil unterbrochen, so machte ihn das sehr ungehalten, und er verlangte am nächsten Morgen Abhilfe. Meistens war Stuhlverstopfung die Ursache, und eine geringe Dosis Rhabarbertinctur stellte die Ordnung wieder her. Nur selten verschrieb ich zu diesem Zwecke einen Gran Bilsenkrautextract, ein Mittel, dem Goethe sehr zugethan war, weil es ihn jedesmal erquicklichen Schlaf mit ergötzlichen, im Gedächtnis auch noch nach dem Erwachen zurückbleibenden Träumen verschaffte.

In frühem Jahren trank Goethe viel Wein und andere geistige Getränke, Als ich ihn kennen lernte, war er in Genüssen dieser Art schon sehr mäßig, ja man könnte behaupten, zu furchtsam. So versagte er sich z. B, ohne alle Noth die Befriedigung eines, Abends um 6 Uhr, — zu welcher Zeit er früher viele Jahre hindurch im Theater stets Punsch getrunken hatte, — nicht selten wiederkehrenden, manchmal sehr lebhaften Verlangens nach diesem Getränk ; so wagte er ferner aus ganz unbegründeter Furcht in den allerletzten Jahren nicht mehr, Champagner auch nur zu kosten, obschon er denselben sehr liebte. Oft mit ihm allein zu Tische, habe ich, — was das Trinken anbelangt, — den Kampf zwischen Appetit und Besorgnis ohne Ausnahme für die letztere siegreich ausfallen sehen, obgleich ich mich selbst meistens mit auf die Seite des Appetits schlug. Einen Tag, wie den andern, begnügte sich Goethe bei dem Frühstück mit einem Glase Madeira, und bei dem Mittagsessen mit einer gewöhnlichen Flasche leichten Würzburger Tischwein. Nur selten nahm er auch wohl noch ein ganz kleines Gläschen Tinto di Rota zum Nachtisch. Kaffee und zwar mit Milch trank er nur zum Frühstück. Nach der Mahlzeit genossen, verursachte ihm derselbe von Jugend an Beängstigungen. Bier und andere Getränke, dann und wann ein Glas Wasser ausgenommen, habe ich Goethe, wenn er sich wohl befand, in den letzten fühnf Jahren seines Lebens niemals trinken sehen.

Einer gleichen Abstinenz befliss er sich weder hinsichtlich der Auswahl noch hinsichtlich der Menge der von ihm genossenen Speisen. In der That ass Goethe sehr viel, und selbst dann, wenn er sich über Mangel an Appetit ernstlich beklagte, häufig doch noch weit mehr, als andere, jüngere, gesunde Personen. Er liebte vorzugsweise Fische, Fleisch, Mehlspeisen, Kuchen und Süßigkeiten. Diätfehler begangen zu haben, räumte er niemals ein, wie häufig er sich derselben auch schuldig machte. Seine Unenthaltsamkeit im Essen bewirkte natürlich nicht gar selten Indigestionen. Dem häufig überfüllten Unterleibe kam man täglich durch Pillen aus Asa foetida, Rhabarber und Jalappenseife und durch Klystiere zu Hülfe; nach den Umständen wurden zuweilen auch noch etliche Theelöffel weinige Rhabarbertinctur, oder auch eine Portion Bittersalz nothwendig. Jeden Druck auf den Unterleib vermied Goethe sorgsam, und trug zu diesem Ende nicht nur sehr weite Kleidungsstücke, sondern er bediente sich stets eines, durch mehrere Kissen erhöhten Sitzes, auf welchem er mit rückwärts gebogenem Oberleibe Platz nehmen konnte. Einen sehr großen Theil des Tages verbrachte er entweder im Zimmer umhergehend und dann gewöhnlich dictirend, oder er beschäftigte sich auf andere Weise im Stehen.

Merkwürdig war, — neben der Richtigkeit seines unter gesunden und krankhaften Verhältnissen sehr feinen Instinkts, — in wie ungemein kleinen Gaben alle Mittel auf Goethes Organisation ihre gehörige Wirkung ausübten. Ein Theelöifel voll Rhaharbertinctur verursachte stets mit Sicherheit einen, auch wohl zwei Stuhlgänge.  Zwei Quentchen Bittersalz führten immer schnell 6 — 8 Mal ab. Dabei wirkten alle Mittel auf seinen Organismus wahrhaft paradigmatisch, so normal, wie ich bei andern Individuen aus höhern Ständen nur selten beobachtet habe. Deshalb, und weil Goethe niemals Krankheitszustände darbot, welche nicht einfache Arzneimittel jederzeit mit größter Bestimmtheit angezeigt hätten, war derselbe meist leicht zu heilen. Und selbst in der letzten tödtlich ausgelaufenen Krankheit zeigte sich die Vortrefflichkeit seiner Organisation in dem so sanften und natürlichen Sterben, bei welchem die Kunst nur durch Abhaltung äußerer Störungen des Auflösungsprozesses wirksam zu werden brauchte.

Krankheit hielt Goethe für das größte irdische Uebel. Kranke durften auf sein thätiges Mitleiden vorzugsweise mit Sicherheit rechnen. Vor dem Tode hatte er eigentlich keine Furcht, wohl aber vor einem qualvollen Sterben. Das Leben liebte er; — und schmückte es sich nicht für ihn mit allen seinen Reizen?

Schmerzen waren ihm unter allen körperlichen Leiden am peinlichsten, nächst ihnen afficirten ihn am mächtigsten entstellende Uebel. Im Preisen der Schmerzlosigkeit wetteiferte er mit Epikur, und häufig rühmte er als ein gewiss von vielen beneidetes Glück, das er niemals an Zahn- oder Kopfweh gelitten habe. Seine Zähne hatten sich bis in das höchste Alter in gutem Zustande erhalten.

Wie sein Freund Schiller die Ausdünstungen faulender Aepfel (1), so liebte Goethe eingeschlossene Zimmerluft. Nur mit großer Mühe konnte in an ihn bewegen, ein Fenster öffnen zu lassen , damit sich die Luft in seinem Schlaf -und Arbeitszimmer erneuere. Gegen üble Gerüche war er nicht besonders empfindlich, wohl aber gegen die geringste Unordnung in dem Arrangement seiner Stube. So war ihm z. B. aufs Äußerste zuwider, wenn ein Buch, eine Lage Papier u. dergl. mit seinen Rändern den benachbarten Rändern des Tisches nicht parallel lag. Als eine wenig bekannte Eigenheit Goethes erwähne ich hier noch, das ihm sehr unangenehm war, wenn jemand in seiner Gegenwart das Licht putzte. Niemand konnte ihm diese Operation zu Danke machen.

Licht und Wärme waren für ihn die unentbehrlichsten Lebensreize; bei hohem Barometerstande befand er sich am wohlsten. Den Winter detestirte er und behauptete oft scherzend, man würde sich im Spätsommer aufhängen, wenn man sich da von der Abscheulichkeit des Winters eine rechte Vorstellung zumachen im Stande wäre.

Während der sechs Jahre , da mir die Fürsorge für Goethe's Gesundheit oblag, habe ich denselben nur an zwei Krankheiten behandelt, von welchen er nicht bereits in jüngern Jahren und zum Theil zu öftern Malen heimgesucht worden war. Diese zwei Uebel bestanden in einem am rechten untern Augenlide beginnenden, durch den mehrjährigen Gebrauch einer feinen Zinksalbe immer in Schranken gehaltenen Ectropium senile und in einer kirschkerngroßen Wucherung mehrerer Schleimbalge der Stirnhaut, entstanden in Folge des durcheinen fast fortwährend getragenen Augenschirm von schlechter Beschaffenheit bewirkten Drucks. Dieser Auswuchs war mir lange verborgen geblieben, da ich Goethen meistens nur mit dem, die Excrescenz verdeckenden Schirme sah. Später war es mir nicht möglich, die Vertauschung des untauglichen Schirmes mit einem zweckmäßigen durchzusetzen. Ich suchte deshalb den Druck mittelst einer Leinwandcompresse wenigstens zu verringern. Dabei und bei der gleichzeitigen Anwendung von Mandelöl    Einreibungen verlor sich die kleine, stets schmerzlose Deformität in wenigen Wochen, Außer diesen beiden findet man alle, mir vorgekommenen Krankheiten Goethes von ihm selbst ins einer Lebensbeschreibung mehr oder minder ausführlich berücksichtigt. Auch ist dort ihr Ursprung meistens deutlich nachgewiesen. Indigestionen abgerechnet, litt Goethe am häufigsten an Lungencatarrhen und an Zapfenbräunen.

Goethe hatte in Folge seiner durchaus produktiven Tendenz in jedem Lebensalter viel Blut erzeugt. Früher war jedoch die Blutbereitung mit der Blutconsumtion in einem ziemlich günstigem Verhältnisse geblieben. In den letztem Lebensjahren jedoch entstanden aus beinahe gänzlichem Mangel an körperlicher Bewegung bei fortwährend reichlich zuströmender Nahrung Vollblütigkeiten, welche starke künstliche Blutentleerungen, Aderlässe, von Zeit zu Zeit dringend erheischten.

Wenn Goethe sich in den 6 letzten Jahren seines Lebens auffallend viel gesünder befand, als selbst eine kurze Zeit vorher, so rührte dies zum großen Theile gewiss mit daher, das es mir bald gelang, seinem unangemessnen, eigenmächtigen Mediciniren ein Ende zumachen. Ungeachtet vieler Einsicht in die Wirkungsart der Heilmittel, konnte sich Goethe doch immer nur sehr schwer entschließen, von dem Gebrauche eines seinem Gefühle besonders wohlthätig gewesenen Medicamentes wieder abzulassen. So war ihm z. B. der Kreuzbrunnen einige Mal vortrefflich bekommen, und nun trank er , noch als ich sein Arzt wurde, Jahr aus, Jahr ein und Tag für Tag Kreuzbrunnen und zwar jedes Jahr über 400 Flaschen.

Finden wir nicht auch oft genug Aerzte, die den Wiedergebrauch eines Mittels, und zwar vorzugsweise den Gebrauch der Mineralquellen, bloß deshalb rathen, weil — es dem Kranken zu der und der Zeit schon einmal so gut gethan habe ? Wird nicht gar oft übersehen , das ein Mittel zuweilen gerade deshalb nicht mehr angemessen ist, weil dasselbe eben schon gut gethan hat?

Ueber seine Gesundheitsumstände sprach sich Goethe gegen andere, als den Arzt, nicht gern aus. Eine specielle Nachfrage nach seinem Befinden, aus bloßer Theilnähme, konnte ihn, vornehmlich, wenn er sich wirklich indem Augenblick nicht ganz wohl fühlte, leicht verdrießlich machen. Oft äußerte er launig, es sei geradezu unverschämt, einen Menschen zu fragen, wie er sich befinde, wenn man weder die Macht, noch die Lust habe, ihm zu helfen. Noch unerträglicher waren ihm die gewöhnlichen Beileidsbezeigungen, zumal wenn sie umständlich und jammerhaltig ausfielen. „An eigner Angst und Sorge hat man in solchen Fällen schon genug, dazu aber noch die Wehklage zu dulden, ist mir wenigstens ganz unmöglich,” fuhr er dann wohl heraus, sobald die ihn belästigende Person nicht mehr zugegen war.

Die Heilkunst und ihre echten Jünger schätzte Goethe ungemein hoch. Er liebte es medicinische Themata zum Gegenstand seiner Unterhaltung zu wählen. In seinen Tagebüchern findet man den Inhalt ihn besonders interessirender medicinischer Unterredungen, die ich mit ihm hatte, nicht selten angemerkt. Er war ein sehr dankbarer und folgsamer Kranker. Gern ließ er sich in seinen Krankheiten, den physiologischen Zusammenhang der Symptome und den Heilplan auseinandersetzen. Dies war auch bei seinen bedeutenden Einsichten in die Gesetze der Organisation weder besonders schwierig, noch übte es auf die Kur einen hemmenden Einfluß. Die Prognose eigner Uebel ließ er unberührt, weil ihm einleuchtete, das Aufrichtigkeit in diesem Punkte vom Arzte nicht immer füglich gewährt werden könne und dürfe, Consultationen mehrerer Aerzte betrachtete er mit misstrauischen Blicken und dachte darüber ungefähr wie Moliere?

Die Gabe, seine Empfindungen dem Arzte zu beschreiben, hat wohl nicht leicht ein Kranker in höherem Grade besessen, als Goethe. Nur hinsichtlich eines einzigen Zustandes, kam hierin eine beständige Ausnahme vor. War nämlich die Gabe irgend eines sogenannten Reizmittels etwas zu stark gegriffen worden,— wie das im Anfänge meiner Bekanntschaft mit ihm, ehe ich mich von seiner ganz ungewöhnlichen Empfänglichkeit überzeugt hatte, einige Mal geschah, — so pflegte er die dadurch erregte Empfindung mit den Worten zu bezeichnen: „Es ist ein Stillstand in meinen Functionen eingetreten.” Er vermochte niemals diesen Zustand deutlicher mitzutheilen.

Im Begriff zu schließen, wüßte ich dem Vorwurf des Ungenügenden der vorstehenden Andeutungen nicht angemessener zu begegnen, als mit eignen Worten dessen, den ich von  einer noch weniger bekannten Seite hier zuschildern versuchte:

„Alles Bestreben, einen Gegenstand zu fassen, verwirrt sich in der Entfernung vom Gegenstande und macht, wenn man zur Klarheit vorzudringen sucht, die Unzulänglichkeit der Erinnerungen fühlbar.



*) Unter den käuflichen Abbildungen Goethes stellen seine Gesichtszüge in den Jahren 1820 bis 1829 Rauch’s meisterhafte Büste und das nach Stielers vortrefflichem Oelgemälde von Schreiner in München lithographirte, in technischer Hinsicht jedoch nicht durchaus wohlgerathene Portrait am treuesten dar «Wer sich Goethe’s Züge zu vergegenwärtigen wünscht, wie sie in der letzten Zeit erschienen, dem ist das in jeder Hinsicht äußerst gelungene , in Linienmanier 1832 gravirte und erst nach Goethes Tode beendigte Bild von Schwerdgehurth zu empfehlen. Die Körperhaltung Goethe’s kann man am besten durch die kleine Statue kennen lernen, welche wir gleichfalls Rauch verdanken, und bei welcher nur die geringe Aehnlichkeit des Antlitzes zu bedauern bleibt.


1) Ich habe dies von Goethe selbst. Eines Tages will er Schiller besuchen, findet ihn nicht zu Hause und setzt sich, in Erwartung yon dessen Rückkehr an den Schreibtisch. Da wird ihm zuerst ein eigner Geruch lästig und bald befällt ihn Betäubung, welche sich schnell bis zur Bewußtlosigkeit steigert und nicht eher wieder verschwindet, bis man ihn an die freie Luft gebracht hat. Als Ursache dieses Unwohlseyns wird dann bald eine große Anzahl faulender Aepfel entdeckt, die Schiller aus Wohlgefallen an der sich aus ihnen entwickelnden Luft in den Fächern zu beiden Seiten seines Arbeitstisches angehäuft hatte. — Mir ist in meiner Praxis ein ähnlicher Fall von Betäubung durch Aepfeldunst vorgekommen.


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