> Gedichte und Zitate für alle: D.v.Liliencron-Der Haidgänger: Kleine Reise (23)

2015-04-11

D.v.Liliencron-Der Haidgänger: Kleine Reise (23)




Kleine Reise

Keine Seele heut,
Im bösen Regenwetter,
Besucht das Schloß.
Nur von einem uralten, weißhaarigen,
Papageiisch plappernden Diener begleitet,
Wandern wir,
Das Mädel und ich,
Durch die hallenden Säle.
Hat der Greis solch Vertrauen zu mir:
Auf meine Bitte, geht er.
Nun sind wir allein.
Und ich zeig' ihr die Wunder:
Verschossene und immer noch prächtige Gobelins,
Schlachten- und Jagdbilder,
Kaiserinnen, Fürstinnen,
Prinzen, Marschälle, Würdenträger,
Einen verewigten Hofnarren;
Alles in Reifröcken, Perrücken, Zöpfen,
Mit Zierdegen und Kniehosen,
In Schmuckpanzern des achtzehnten Jahrhunderts.
Und selbst ein Lieblingsmops
Ist abkonterfeit.
Einmal, in einem weiten Saale,
Den sich die Einsamkeit der Einsamkeiten
Zum Schlaf erkoren hat,
Verweilen wir länger:
Zwei verblichene, winziglehnige, weiße
Seidensessel stehn hier, auf einer Erhöhung,
Nur diese beiden, sonst ist's leer.
Ihnen gegenüber, von Pesne gemalt,
Spannt Amor den Bogen.
Wir setzen uns.
Dann spring' ich auf, und auf dem eisglatten Täfelboden
Tänzel' ich,
Ein wenig den Spielhahn nachäffend,
Schuhplattlerartig;
Dann, zur Abwechslung, im ernsten, gemessenen,
Höchstwohlanständigen Menuettschritt.
Und Alles vor ihr.
Und sie lehnt sich,
Nur der Fächer fehlt,
Erst lächelnd, dann lachend zurück,
Und hält das Köpfchen schief,
Und ist ganz, ganz eine junge Durchlaucht,
Und ich bin ganz, ganz ihr Affe-Kammerherr.
Und Amor kichert und hat,
Seit wie langer Zeit,
Wieder »a Freid.«
Nun haben wir Alles beschaut,
Zuletzt mit andächtigem Staunen
Die riesigen, wurmstichigen Prunkbetten.
Genug der Herrlichkeit.
Wir steigen die reichbreite, reichgeländergeschmückte
Marmortreppe hinab.
Ritterlich biet' ich meiner Schönen die Hand.
Und sie geruht,
Auf meinen hingehaltenen Zeigefinger
Ihr Händchen zu legen.
Acht Pagen halten ihr
Die schwere gold- und silberdurchwirkte Schleppe.
Tief, sehr tief neigen sich
Die zu beiden Seiten der Stufen stehenden
Kavaliere vor uns.
Hinter uns: das »Cortège«
Bis auf den fantastisch gekleideten Leibmohren,
Der das Schoßhündchen trägt.
Im Haupteingange
Ist die Wache in's Gewehr getreten.
Der Osffzier, mit der Blechhaube,
Streckt sein Sponton.
Der Trommler wirbelt.
Wir aber, wieder Menschen des neuen Jahrhunderts,
Das Mädel und ich,
Gehn im Regen zurück
In unsern Gasthof,
In den Gasthof »Zum deutschem Dichter.«
Den Namen so einladend findend,
Wählten wir den »teutschen Dichter.«

Hier unterdessen ward uns ein Zimmer bereitet.
Das Essen wartet:
Eine Hirnpflanzlsuppe,
Zwei Kalbshaxen mit Erdäpfeln
– Sonntags genannt Kartoffeln –
Und mächtige Schüsseln, so war es gewünscht,
Mit Preißelbeeren und Gurkensalat.
»Wohl bekomm's!«
Und sehr wohl bekommt es uns.
Roter Tirolerwein
In hübschen Kristallflaschen,
Ist nicht vergessen worden.
Der Abend brachte die Sonne.
»Wollen wir ausgehn? Kommst du mit?«
»»Scho recht, scho recht.««
»Scho recht, scho recht.«
Könnt' ich die Worte noch einmal hören,
Von ihr gesprochen.
Welche Hingabe lag in ihnen,
Welcher Eifer,
Welche fröhlichste, unbedingte
Bereitwilligkeit zu Allem:
Dies Ichgehmitdirdurchdickunddünn,
Dies Sofortbeiderhandsein,
Dies »Ja, ja, i thu glei mit.«
Könnt' ich die Worte noch einmal hören,
Von ihr gesprochen:
»Scho recht, scho recht.«

Der Abend brachte die Sonne.
Hinaus, und unser Gang
Gilt dem Garten des Schlosses.
Wie am Morgen,
Sind wir auch nun allein.
Kaum etwas auf der weiten Erde
Birgt solche Poesie,
Wie ein verlassener,
Halb verwilderter,
Lindenverwachsener,
Vögeldurchsungener Sommergarten.
Die Wasser sprangen.
Für wen?
»Siehst du, uns zu Ehren, nur für uns.«
Hingerissen von den Linien
Des im italienischen Stil
Ausgeführten Palastes,
Erklär' ich sie meiner Begleiterin.
Sie aber, dies für außerordentlich
Langweilig erachtend,
Ruft plötzlich in hellster Freude:
»A Goas, a Goas; kumm, Lisi.«
Und kniet,
Fast verschwindend im wuchernden Grase,
Neben die einsame, angepflockte Ziege,
Die den Störenfried erst verwundert betrachtet,
Dann die Hörner einsetzt.
»Der Teifi, der Teifi,«
Und das Mädchen sucht,
Halb in Angst, halb im Scherz,
Schutz in meinen Armen.
Und noch einmal bückt sie sich im Grase,
Feldblumen pfiückend.
Ablassend von der Bestaunung
Des tief mein Schönheitsgefühl
Befriedigenden Linienschwungs des Schlosses,
Wend' ich mein Auge
Dem Dirnlein zu,
Das im Auf- und Niedertauchen
Nacken, Hals und Haupt hebt,
Nacken, Hals und Haupt untersinken läßt.
Dann schreiten wir
– Sie trägt den vollen Strauß,
Aus dem ich mir nur
Eine Taglichtnelke erbeten habe –
In die dunkelnden Baumgänge hinein.
Immer schwächer tönt zu uns
Das Plätschern und Plauschen der Springbrunnen;
Immer lauter wird das Lärmen
Der Amseln.
Und wir schreiten zu,
Mit kräftigem Schritt,
Blutlebendig, lebenbeglückt.
Leben, hurra!
Keiner begegnet uns;
Kein abscheuliches, hingeworfenes, verfaulendes
Butterbrotpapier stört uns.
Wir sind wir allein,
Wie sich's gehört:
Der König und die Königin!

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