> Gedichte und Zitate für alle: D.v.Liliencron-Der Haidgänger: Sommermittagsspuk (28)

2015-04-11

D.v.Liliencron-Der Haidgänger: Sommermittagsspuk (28)




Sommermittagsspuk

Es ereignete sich, so wurde mir erzählt, in einem fremden, fernen Lande, in
einer Hauptstadt: Ich war dort unserer Botschaft als Legationssekretär
beigegeben. Wie es meine amtliche Stellung mit sich brachte, verkehrte ich
fast ausschließlich in der Gesellschaft. Die »Gesellschaft« ist in allen Ländern
sich gleich. Sie besteht, selbstverständlich mit mancher Ausnahme, aus
herzensrohen, kühldenkenden Menschen, deren Gesprächsstoffe, deren leeres
Leben zu bekannt sind, als das ich es weiter zu erörtern brauche. Doch auch
brauche ich anderseits nicht hinzuzufügen, daß ich in der »Gesellschaft«, wie
in jedem Stande auf Erden, Kluge und Dumme, vornehm und niedrig
Denkende gefunden habe. Wie dem sei: immer fast habe ich bei diesen in ihrer
Lebensstellung bevorzugten, vielfach reichen oder wohlhabenden Menschen,
wie ich schon erwähnte, Herzensrohheit bemerkt, jenes sich, wenn auch oft
klug verdeckte, stark erhaben Dünken über ihre nicht auf gleicher Rangstufe
oder in gleichen Vermögensumständen stehenden Mitbrüder und
Mitschwestern.
Es war an einem glühend heißen Sommertage. Bedauerlicherweise kann ich
nur den Vergleich aufstellen: als wenn wir ihn auf Lichtbildern tropischer
Städte sehen, mit jenem grellsten Sonnenlichte, mit den zahlreichen, alle
Fenster beschattenden Marquisen. Trotz der ungemeinen Hitze zeigte sich das
lebhafteste Leben in den Straßen. Irgend Einer, irgend etwas wurde erwartet:
Eine Prozession, ein Schnelläufer, siegreich zurückkehrende Truppen, ein
deutscher Professor mit seinen Werken unter'm Arm, ein gefangener
Aschanti-Häuptling, ein Verbrecher auf seinem letzten Gange, ein
ausländischer König, eine deutsche Schützengilde mit ihren Fahnen und
Saufhörnern und Bierkantaten. Was weiß ich. Genug, Alles war Erwartung.

Ich stand im Fenster einer, wenn ich es in unsere Sprache übersetzen will,
Konditorei. Zuckerbäckerei klänge viel besser; aber der Ausdruck paßt hier
nicht. Die Konditorei war um die Mittagszeit der unbeabsichtigte Sammelplatz
der »Gesellschaft«. Die Damen aßen Eis, die Herren Pasteten. Ich unterhielt
mich mit einer sehr lustigen, bildhübschen spanischen Herzogin. Sie erzählte
mir unter klingendem Gelächter, daß sie einmal mit Verwandten von Hamburg
nach Kiel in einem Wagen gereist wäre, um die Buchenwälder Ostholsteins,
von denen sie viel Rühmens gehört, zu sehen. Unterwegs wäre, genau wie das
in Romanen beliebt wird, ein Rad gebrochen. Ein Gutsbesitzer habe sie
gastfreundlich aufgenommen. Als sie mit diesem im Laufe des Gespräches
auch die spanische Literatur berührt, ihm von Calderon gesprochen habe,
hätte sie vom Gutsbesitzer nur die Worte Wauwau vernommen, überhaupt
immer nur Wauwau, selbst dann, als sie auf die deutsche Schönwissenschaft
gekommen sei und ihm besonders seinen großen Landsmann Theodor Storm
erwähnt habe. Vollkommen sei ihr schließlich dieser Gutsbesitzer wie der
dumme Galomir in Grillparzers »Weh' dem, der lügt« vorgekommen. Neulich
habe sie sich dieses Gutsbesitzers erinnern müssen, als sie in der Zeitung
gelesen: »Berlin. Auf der Mastviehausstellung hat die Provinz
Schleswig-Holstein einen großen Erfolg erzielt. Es fielen ihr in den
Abteilungen für Rindvieh und Schweine zwei Ehrenpreise, fünf erste Preise
und sechs zweite Preise zu.« Ja, Wauwauwau ...
Auf der Straße stand alles dichtgedrängt wie eine Mauer. Einige versuchten
nach vorne zu drängen, vergebens. Auf dem freigelassenen Hauptwege ging's
seinen Gang wie immer. Die Schloßwache mit einem allerliebsten
dunkelgebräunten Lieutenant, der, zu uns hinaufblickend, den Degen senkte,
stampfte mit schallendem Spiele vorüber. Voran der sich bei allen Weibern der
Welt für unüberwindlich haltende Tambour-Major. Die linke Hand fest in die
Seite stemmend, warf er mit der rechten den blitzenden Stock wie ein Gaukler
in die Luft. Schusterjungen, wie überall, begleiteten im Taktschritte die Musik.
Droschken fuhren langsam durch. Die Kutscher wandten sich oft zu den
darinsitzenden Fremden, die unfehlbar ein rotes Buch in Händen und ein
Opernglas umgehangen hatten. Sie machten da und dort mit der Peitsche auf
ein Denkmal, auf einen hervorragenden Bau aufmerksam.
Einmal kam ein schöngezeichneter, schlanker Hühnerhund, der seinen
Herrn verloren hatte, angelaufen. Er blieb vor uns stehen, bog den Kopf in den
Nacken und heulte. Es that mir sehr wohl, daß unten das »Volk« nicht darüber
lachte. Ich konnte es herausfühlen, daß es Mitleid hatte mit dem
bedauernswerten Tiere.
Am Ende der breiten, durch Plätze unterbrochenen Zeile sah ich, gleichsam
wie einen flüssigen Bogen, den gewaltigen Strahl der Pflasterbesprengung
einen Abschluss machen.
Plötzlich hatte ich durch einen Umstand einen merkwürdigen
Gedankengang. Dieser Gedankengang währte nur eine Sekunde:
Unten zog ein etwa sechzehnjähriges Mädchen einen Karren vorüber. Sie
hatte den Quergriff der Deichsel mit den Händen gefaßt. Sie bog sich nach
vorne. Die Arme strafften sich. Durch die zurückgedrängten Schultern kam die
herbe Fülle ihrer Frühlingsbrust zum Ausdruck. Um den gelbbraunen Hals lag
lose ein feuerrotes Tuch. Unter dem schwarzen Haare, das ihr etwas zerzaust
in die Stirne fiel, sahen feurige, wilde, dunkle Augen begehrlich zu uns hinauf.
Und da kam mir jener Gedankengang, der blitzschnell wieder verflog:

Ihr alle, die ihr jetzt im Laden um mich seid, was seid ihr doch gegen jenes
kräftige, junge Ding unten. Welches dumme, alberne Gewäsch ist euer
Gespräch. Wie herzlos sind eure Ansichten über alle die, von denen ihr der
sichersten Überzeugung seid, daß sie tief unter euch stehen. Was kennt ihr
denn von der Schönheit! Was habt ihr denn für Freude an der Schönheit!

Ich rief, mich vergessend, wo ich mich befand; nein, ich will's sagen: mit
vollstem, köstlichen Bewußtsein, der Karrenzieherin in ihrer Landessprache
zu: »Halt, Mädchen.« Sofort ließ sie das Gefährt stehen. Ich merkte an ihrem
Gesicht, daß sie sehr erschrocken gewesen sein mußte. Sie mochte wähnen,
daß sie eine polizeiliche Vorschrift nicht inne gehalten habe. »Komm heraus«,
rief ich ihr dann zu. Und sie kam; willig ließ die Menschenmauer, so gut es
ging, sie durch. Nun stand sie unter uns. Sie hatte den kleinen Finger der
Rechten in den Mund geschoben wie ein Kind. Alles um sie schwieg; alle
sahen sie an; die Herren klemmten ihre Scherben ein; die Damen nahmen ihre
langgestielten Gläser vor die Augen. Ich half dem Mädel sofort aus der
Verlegenheit, indem ich freundlich mit ihr sprach. Ich sagte ihr, sie solle sich
unter den Kuchen auswählen, was sie wolle. Und da ihr das schwer zu werden
schien, sagte ich, den Ton unerhörten Hochmutes annehmend, zu einer der
Bedienenden, die spöttisch und erstaunt die Kleine und mich beobachteten;
»Packen Sie das und das und das ein.« Ein teuflischer Hochmut faßte mich, ich
hatte in dem Augenblick eine unsägliche, jubelnde Freude: Ich nahm das
Geschöpfchen bei der Hand und führte sie einem Platze zu, wo ein mir
widerwärtiger geckenhafter alter Freiherr saß. »Sie erlauben, Baron!« Und das
Einglas fallen lassend, erhob sich dieser Herr, wie, um einer Königin zu
weichen. Und das Mädchen setzte sich. Ich brachte ihr dann Gebäck und einen
kühlen Trunk. Sie aß und trank, uns ab und zu scheu musternd. Noch immer
schwieg Alles. Nur die leise Stimme einer uralten, aufgedonnerten Gräfin
hörte ich: »C'est une extravagance; c'est intolérable, indigne, incroyable.« Ich
wandte mich ihr ruhig zu. Sie erblich.

»So, Marianina, nun geh' wieder zu Deinem Wägelchen«, sagte ich
liebevoll zu ihr. Dann wieder mich herrisch zu einer Kellnerin wendend:
»Tragen Sie die Düten dem Mädchen in ihren Karren.« Sie gehorchte
augenblicklich.

Nun waren wir wieder »unter uns«. Ich tat, als wenn nichts geschehen sei;
und die übrigen waren klug genug, mit keinem Worte, mit keiner Miene mich
an meine »Extravagance« zu erinnern.

Da ertönte ein unermeßliches Gelächter von weitem her: Ah nun kommt
das Erwartete ... Und immer mehr näherte sich dies Gelächter, immer lauter,
brausender setzte es sich zu uns fort. Nun hörte ich Rufe: Evviva, evviva! Il
poeta prussiano! Und da kam er an, der Unglückselige, der »teutsche Tichter«.
Alle Köpfe beugten sich vor, alle Hälse streckten sich. Das Pflaster der Straße
war nun ganz leer. Und da kam er langsam an, der deutsche Dichter! Sein
Vaterland hatte ihn, als den gänzlich Überflüssigen (»voll und ganz«, wie das
infamste deutsche Zeitungsgeschmierwort meiner Zeit heißt) mit Fußtritten
und unter Spott und wüstem Hohngelächter über die Alpen gesandt. »Wie bin
ich satt von meinem Vaterlande«, hat Platen, der edle Dichtergraf, einst gesagt
in ähnlicher Lage.
Ja, da kam er nun, und ging langsam, gesenkten Hauptes bei uns vorüber.
Und in das stürmische Gelächter fiel auch ich ein.
Ein langer, dürrer Mensch war's. Seine zähe Natur hatte, unglaublich, die
ihm von seinem Volke streng befohlene Hungerkur ausgehalten. Auf seinem
Barett saß eine Gänsefeder. An seinem verschossenen Sammetwamms hing am
Gürtel, wie ein Dolch, eine Tintenkugel. Seine Haare »wallten« (ohne dies
Wort gibt es kein deutsches Gedicht) ihm strähnenartig um das magere
Gesicht in den Nacken. Sein Volk hatte ihm beim Stoßen über die Alpen die
Hände vorne gefesselt. Auf seinem Rücken hatte es ein Spottbild aufgeklebt:
Auf einem grellgemalten Vollmond saß ein Vögelchen, das wahrscheinlich die
berühmte deutsche Dichternachtigall vorstellen sollte.
Und Alles lachte, lachte, lachte, und ich lachte, unbändig roh, aber es war
zu erschütternd komisch, mit. Und dann entschwand unsern Augen der
langsam gehende, finster vor sich hinblickende »deutsche Dichter«. Er war
heimatslos geworden.

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