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2015-04-05

Gedichte v. D.v.Liliencron: Der Kanarienvogel (16)



 Der Kanarienvogel

Im einzelstehenden Arbeiterhaus
Müssen die Mieter schleunig hinaus:
Es zeigen sich plötzlich Risse und Spalten,
Mörtel und Kalk wollen nicht mehr halten,
Ein leises Knistern geht unheimlich los,
Die Einsturzgefahr wird riesengroß.
Die Bewohner können nichts mehr retten,
Alles bleibt drinnen, Möbel und Betten;
Kaum raffen sie noch ihr bisschen Geld,
Eh das Gebäude zersplittert, zerschellt.

Was fällt denn der alten Näherin ein?
Sie läuft noch einmal ins Haus hinein,
Um ihren Kanarienvogel zu holen.
Zurück! Schon poltern Gebälk und Bohlen,
Es lösen sich Fugen, Klammern und Schluss,
Daß der Bau krachend zerstäuben muß.
Stehngeblieben ist nur eine Wand,
Von unten bis oben; die widerstand.

Im vierten Stock hängt an der Mauer
Ein Kanarienvogel in seinem Bauer
Und jubelt und schmettert und trillert und singt,
Daß es frohlockend zum Himmel klingt.
Staub und Schuttwolke sind verflogen,
Die Frau ist aus den Trümmern gezogen,
Die treue Frau. Doch wie ein Gefeiter
Singt oben und jubelt und tiriliert weiter
Der kleine Kanarienvogel.

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