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2015-04-05

Gedichte v. D.v.Liliencron: Dichterehe (17)



Dichterehe

Ein Dichter ließ die Augen schweifen
Auf Bergeshöhn, aus Nebelstreifen
Weit über Land und Wolkenflug.
Er sieht der Stadt umrauchte Zinnen,
Die wimpelreichen Flüsse rinnen,
Des Wechsels bunten Bilderzug.

In Sehnsucht breitet er die Arme,
Sein Platz ist dort im Menschenschwarme,
Er will ein Wandrer unten sein.
Denn soll ein Dichterherz erbeben,
Dann muß es mitten stehn im Leben,
Sonst heimst er keine Garben ein.

Und wie von mächtigem Drang gezogen,
Möcht er sich stürzen in die Wogen,
Ein Schwimmer durch den Ozean.
Schon träumt er sich im Siegeswagen,
Von seines Volkes Gunst getragen,
Und Palmen schmücken seine Bahn.

Doch plötzlich hemmt er den Gedanken,
Und ist umringt von engen Schranken;
Sein Haupt sinkt schwer, ein toter Held.
Er kehrt den Schritt nach seinem Garten,
Wo die Penaten ihn erwarten;
Die sind ihm all die ganze Welt.

Und küßt sein Weib und schauert leise;
Herdwärts von hoher Ruhmesreise
Hat er gefaßt den Fuß gelenkt.
Sie aber ahnt nicht, daß er eben,
Zurückgetreten aus dem Leben,
Ihr seinen Lorbeerkranz geschenk

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